Im Augenblick erscheint das Thema „Türkei“ vor allem durch eine Reihe von Irrationalitäten geprägt zu sein. Deshalb will ich hier dieser Stelle ein paar Links, Lesetipps und möglicherweise politisch hilfreiche Gedanken sammeln und kurz kommentieren.
Zunächst einmal macht es Sinn, sich die geostrategische Situation der Türkei vor Augen zu führen. Der CIA-nahe amerikanische Thinktank „Stratfor“ stellt hier einen angenehm objektiven (jawoll!) Videoclip zur Verfügung.
In diesem Beitrag wird deutlich, dass die mittelfristige bis langfristige Politik der Türkei darauf gerichtet sein muss, eine Hegemonie über die sunnitisch besiedelten Gebiete des Nahen Ostens zu erlangen, was quasi zu einer Art „Osmanisches Reich 2.0“ führen dürfte.
Dies wird vermutlich in vielen politischen Gruppierungen in der Türkei so gesehen und – wieder ein schönes Wort – mehr oder weniger als „alternativlos“ empfunden.
Nun stellt sich die Frage nach einer möglichst rationalen Reaktion der deutschen Politik auf die machtpolitischen Muskelspiele Ankaras.
Hierzu gab es in der deutschen Presselandschaft in der letzten Zeit zwei Gedanken, die beide den Vorteil haben, dass sie die Eskalationsspirale nicht weiter drehen.
Zum einen schlägt Ulf Lüdeke im „Focus“ vor, auf die Versuche der türkische Politik, in Deutschland Werbeveranstaltungen für Erdogans Verfassungsreform durchzuführen, zu reagieren, indem man die hier lebenden Deutschtürken offensiv darüber aufklärt, dass die Verfassungsreform dazu geeignet ist, die Gewaltenteilung in der Türkei zu beschädigen und der Möglichkeit einer Diktatur den Weg zu ebnen.
Einen anderen Vorschlag macht Jakob Augstein im Spiegel. Er macht darauf aufmerksam, dass ein grundsätzlicher Fehler der deutschen Politik darin besteht, es überhaupt zugelassen zu haben, dass es hier immer noch Türken gibt.
Hah! auf die Formulierung reingefallen? Dann mal anders formuliert: Dass nicht jeder Mensch, der auf deutschen Boden geboren wird, automatisch Deutscher ist. Seine Idee: doppelte Staatsbürgerschaft abschaffen und die hier lebenden Türken einbürgern. Ebenfalls ein Vorschlag, dem man nicht unbedingt zustimmen muss, der sich aber durch seine offensive Vernünftigkeit wohltuend von rechten Geseier abhebt und nebenbei Nationalisten aller Länder kräftig ärgern dürfte. Vor allem, weil er mit dem Vorschlag verbunden ist, den so rekrutierten Neubürgern „alle Rechte“ aber auch „alle Pflichten“ eines Staatsbürgers angedeihen zu lassen.
Jenseits der Stammtische und dessen Niveau gibt es also durchaus den einen oder anderen Gedanken, der über Reflexhaftes hinausweist. Kritische Reflexion erwünscht!
