Inklusion und Lohngerechtigkeit?

Auf meinem Twitter-Kanal https://twitter.com/foerderplanet hat sich eine interessante Diskussion zu einem Tweet, den ich zum Thema Lohngerechtigkeit abgesetzt habe, entsponnen.

Hierbei hat ein Twitter-Follower eine interessante Querverbindung hergestellt: „Weniger Qualifikation würde die Exklusion noch verstärken. Wir leben nicht mehr in den 1960er Jahren! „.

Und weiter: „Noch vor 30 Jahren konnte man ungelernt ohne auf dem 1. tätig sein. Erst heute wird man in ein exklusives System gezwängt.  .“

Die Frage ist, ob sich die soziale Frage derart mit dem Thema Inklusion verbinden lässt.

Zum einen schwebt der Arbeitsmarkt nicht im luftleeren Raum. Trotz aller Regulierung (Mindestlohn) und gewerkschaftlicher Einflüsse (Tarifvertrag) ist der Lohn, der für ein bestimmtes Quantum Arbeitskraft zu erzielen ist, das Ergebnis von Angebot und Nachfrage.

Aber nicht nur dies: Bereits Marx wies darauf hin, dass die natürliche (Unter-)Grenze des Arbeitslohnes dort liegt, wo eine Unterschreitung desselbigen dazu führen würde, dass sich die Arbeitskraft nicht mehr reproduzieren ließe.

Nun darf man das nicht national sehen: Jede Arbeit, die auch woanders (z.B. in Bangladesch) in der gleichen Qualität erledigt werden kann, wird auch dort erledigt werden.

Dies ist der eigenliche Hintergrund der Äußerung Nariman Behraveshs (Chefökonom des Analyseunternehmens IHS), dass „Ungleichheit …  vor allem“ dadurch entsteht, „weil Qualifikationen immer besser bezahlt werden und keine Qualifikation heute gar nicht mehr bezahlt wird“, sprich viele Leute in Ländern mit einem schlechten Bildungssystem entweder als Kleinkriminelle, Prostituierte oder Bettler überleben, von ihrer Familie durchgefüttert werden oder schlicht und einfach verhungern.

In den Industrienationen ist die Situation durch das Sozialsystem erträglicher.

Sollten wir unser Sozialsystem aber zerschießen, weil zu wenig Nettozahler zu viele Bedürftige durchfüttern müssen, entstünde ein Problem.

Dieses Problem könnte durch eine Finanzkrise, durch eine weitere ungünstige demographische Entwicklung, durch eine weitere Verschlechterung des Bildungs-Outcomes bei den heute hier lebenden Jugendlichen, durch Überschuldung, durch zu viel Zuwanderung zu gering Qualifizierter oder durch plötzliche katastrophale Ereignisse (Erdbeben, größerer Vulkanausbruch, Atomunglück, Krieg, Meteoriteneinschlag, Verlust relevanter Schlüsselindustrien, etc. pp.) plötzlich oder scheichend eintreten.

Und jetzt erst kommen wir zur Inklusion.

Inklusion kann nämlich vielerlei bedeuten. Am gängigsten ist die Idee einer allgemeinen Teilhabe ohne Diskriminierung. Gegen diese Idee kann eingewendet werden, dass im Kapitalismus eine Gleichheit, wie sie von der radikalkonstruktivistischen Inklusionbewegung axiomatisch vorausgesetzt wird, gar nicht denkbar ist.

Der gleiche Einwand gilt übrigens auch für eine Einkommens-„Gerechtigkeit“. Im Kapitalismus, sorry: in der Marktwirtschaft, ist Kapitel in vielen Fällen entweder Risikokapital oder steckt halt „in der Firma“, ist also investiert und durch Kredite gehebelt, um noch mehr zu investieren. (Beispiel: Ein mittelständisches Autohaus hat einen Kredit über 500.000 Euro am Laufen, um die Autos zwischenzufinanzieren, die in der Verkaufshalle stehen).

Dieses Kapital wegbesteuern zu wollen, ist unter den Vorzeichen des Privatbesitzes an Produktionsmitteln logisch inkonsistent. Dies wäre aber nötig, um eine so verstandene Lohngerechtigkeit zu erreichen.

Logischer wäre es, eine Vergesellschaftung der Produktionsmittel zu fordern, um Exklusion zu überwinden. Das  tut aber keiner, so dass man feststellen muss, dass die radikalkonstruktivistische Position u.a. in ökonomischer Hinsicht nicht zu Ende gedacht ist.

Genau dies wäre auch meine Kritik an den oben zitierten Äußerungen.

2 Kommentare

  1. Hallo,
    ich bin einer Ihrer Follower auf Twitter. Auf Ihren Namen bin ich gekommen, weil ich selbst Sonderpädagogik u.a. mit dem Schwerpunkt Sprachheilpädagogik studiere – und in diesem Zusammenhang habe ich Beiträge von Ihnen gelesen.
    Der Artikel, den Sie aus der Wirtschaftswoche getwittert haben, ist vor allem deshalb interessant, weil der Ökonom Nariman Behravesh im Interview verdeutlicht, wie fragil das ganze Wirtschaftsystem ist. An der Frage nach der Qualifikation illustriert er, dass es vor allem wichtig ist, in Menschen und ihre Bildung zu investieren … um Wachstum zu erzielen. – Die Frage nach der Sinnhaftigkeit immer neuen Wachstums will ich hier nicht stellen.
    Aus sonderpädagogischer Perspektive frage ich mich beim Lesen solcher Sätze aber sofort, was mit denjenigen Menschen ist, für die es keine (höhere) Bildungsperspektive gibt. Es sind nicht immer Menschen mit schwersten und Mehrfachbehinderungen. Auch Lernbehinderte sind außen vor, wenn es der Gesellschaft und ihrer Wirtschaft vor allem darum geht, Wachstum zu erzielen. Ja, sie können an den Ergebnissen partizipieren – mitwirken können sie nicht.
    Und deshalb stelle ich die Frage nochmal:
    In den 1960er (beispielsweise) Jahren kannte man keine Menschen mit Lernbehinderungen, weil es das Label schlicht nicht gegeben hat. Wie man heute weiß, haben betroffene Personen teilweise in Obdachlosigkeit und prekären Verhältnissen gelebt. Es gibt aber auch viele Beispiele, in denen Menschen ohne Ausbildung Arbeitsplätze in der Industrie gefunden haben. Sie sind Teil der „ganz normalen“ Arbeitergesellschaft geworden. Das ist es, wovon wir uns heute vollständig entfernt haben. Diesen Menschen (die eigentlich zu fähig für eine Tätigkeit in der Werkstatt f. Menschen mit Behinderung sind) können wir heute nur Tätigkeiten auf dem zweiten Arbeitsmarkt anbieten – obwohl es in Deutschland nach wie vor Industriearbeitsplätze gibt.
    Ein Beispiel aus meinem Bekanntenkreis. Ein Mann Jahrgang 1956 (DDR) arbeitet seit 35 bei einem Getriebehersteller. Er hat nie eine Berufsausbildung gemacht. Seinen Job macht er gut und konnte eine Familie gründen. – Als Schüler heute würde er als lernbehindert gelten und hätte lediglich die Perspektive ‚Werkstatt‘. Die Zukunft, die nun seine Gegenwart ist, könnte er nie haben!

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    1. Hallo Herr Frank,
      das von Ihnen angesprochene Problem trifft wirklich den Kern der Sache. Ich persönlich sehe beide Bereiche als teilautonome Systeme. Wobei für mich die Ökonomie die Basis ist: alle Sozialleistungen und Fördermaßnahmen sind überhaupt nur dann denkbar, wenn die dafür notwendigen Gelder zuvor erwirtschaftet worden sind. Da Menschen oftmals langfristig oder chronisch bedürftig sind, ist es schlau, die Wirtschaft nachhaltig auf einem hohem Niveau zu halten, um das alles bezahlen zu können. Aufgrund dieses Denkens stehe ich einer wirtschaftsfeindlichen Position kritisch gegenüber.
      Komplementär dazu misst sich die moralische Qualität einer Gesellschaft daran, wie human sie mit ihren Schwächsten umgeht. Hier finden wir in der Wirtschaft eine Realität die stark von einer internationalen Arbeitsteilung geprägt ist, die in den vergangenen Jahren unter dem Stichwort „Globalisierung“ thematisiert worden ist. Diese Wirtschaft hat ihre Spielregeln, die weltweit gelten und nur mit einer erheblichen Kraftanstrengung modifiziert werden können. Die Gesetzmäßigkeiten, nach denen das Wirtschaftssystem funktioniert, kann man mögen (tue ich nicht) oder ablehnen (was ich faktisch tun). Man kann sie aber nicht verändern, indem man sie ignoriert.
      Ja, die Situation von Menschen mit Behinderung hat sich verändert. Teils – vor allem, was den Arbeitsmarkt betrifft – zum Negativen. So finden wir zum Beispiel die Arbeitsplätze in der Industrie, von denen Sie in Ihrem Beitrag sprechen, heute z.B. in Bangladesch. Stundenlohn 24 Cent (der Wert ist nicht recherchiert, er kann auch bei 4 Cent oder bei 1,40 Euro liegen. Er liegt auf jeden Fall nicht auf dem Niveau des deutschen Mindestlohnes. Das heißt, dass die Stellen, was den ersten Arbeitsmarkt betrifft, für Deutschland weg sind und nur dann wiederkommen dürften, wenn Deutschland auf den Status eines Entwicklungslandes herabsinken würde. Dann wäre aber auch das Sozialsystem nicht mehr intakt.
      Die Situation wird sich sogar noch verschärfen. Digitalisierung und Industrie 4.0 könnten nach Schätzungen von Ökonomen auch bei Menschen, heute als hochqualifiziert gelten, zum Jobverlust führen. Siehe zum Beispiel die folgenden Links.

      http://www.wiwo.de/finanzen/geldanlage/stelter-strategisch-erst-krisen-dann-jahrzehnte-des-aufschwungs/19721552-all.html
      http://www.manager-magazin.de/magazin/artikel/weltwirtschaft-uns-droht-die-saekulare-stagnation-a-1083487.html

      Diese Situation ist da. Sie ist leider keine moralische Frage. Sie ist materiell. Und diese ökonomische Basis ist es, die dazu führt das Menschen (die schon immer unter dem Gesichtspunkt ihrer ökonomischen Verwertbarkeit gesehen wurden) anders klassifiziert werden, als sie es (unter anderen wirtschaftlichen Bedingungen als heute) aktuell werden oder in Zukunft noch werden können. Ob diese Klassifizierungen jeweils zutreffend oder moralisch richtig sind, ist unter ökonomischen Gesichtspunkten zunächst sekundär. Erst durch Engagement und moralisches Handeln der Gesellschaft eröffnen sich hier Perspektiven.
      Dabei ist der Inklusionsdiskurs übrigens durchaus riskant. Als in den USA vor 50 Jahren die Psychiatrien in die Kritik gerieten („Einer flog über’s Kuckucksnest“), war eine Langzeitfolge das Herunterfahren von Hilfen im Namen der Freiheit von Diskriminierung. Folge: Psychisch kranke Menschen landen öfter im Gefängnis oder in der Obdachlosigkeit. Auf der Straße verrecken statt Hilfe zu erhalten oder im Knast von der Arischen Bruderschaft in die Mangel genommen zu werden, ist mit Sicherheit nicht unbedingt ein erstrebenswerter Fortschritt.

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