„Mythos“ wird in der politischen Debatte in Deutschland mit mehreren Bedeutungen verwendet.
Beispiel 1: „Mythos“ in seiner gängigen Bedeutung
Im Alltagsverständnis bedeutet Mythos wie in der hier verlinkten Kolumne von Georg Dietz im Spiegel oftmals soviel wie „falsche Vorstellung“. Bei dieser Bedeutung handelt es sich um eine Metapher auf den ursprünglichen Sinn des Wortes „Mythos“ (der in etwa mit dem Begriff der „Erzählung“ in Einklang zu bringen ist).
Beispiel 2: Schwierig wird es, wenn die Metapher noch weiter getrieben wird, wie dies im fachwissenschaftlichen Diskus (man lese nach bei Guy Deutsche: Du Jane, ich Goethe) ein übliches Mittel ist, um Begriffe höheren Abstraktionsgrades zu kreieren.
Hier kann als Beispiel der Historiker Hans-Ulrich Wehler aufgeführt werden, der sich 2005 kritisch über den ehemaligen Außenminister Fischer äußerte: „Aber so etwas Furchtbares wie Auschwitz zum Gründungsmythos der Bundesrepublik zu erklären, wie Außenminister Fischer das getan hat, geht ebenfalls nicht.“
Diese Kritik hat inzwischen eine aufsehenerregende Karriere gemacht. So schrieb auch der als rechtsextrem kritisierte verstorbene Historiker Sieferle in seinem letzten Werk „Finis Germania“ vom „Mythos Auschwitz“.
Die politische Einordnung des späten Sieferle, der sich zuvor als Marx-Kenner und Grundlagentheoretiker einer wissenschaftlich-ökologischen Betrachtung des Weltgeschehens einen Namen gemacht hatte, geschah durchaus zu Recht.
Dies muss hier so festgehalten werden, auch weil sein Buch „Finis Germania“ postmortem im neurechten Verlag Antaios erschien und er in dem Vorgängerwerk „Das Migrationsproblem“ den Nahen Osten und Afrika als „Barbarengebiete“ titulierte.
Hier nützt meiner Meinung nach auch ein möglicher Hinweis auf ältere Schriften des Autoren nichts (Sieferle, R. P. 2005. Die Barbaren in der Weltgeschichte. In: Urmensch und Wissen schaften – Eine Bestandsaufnahme. Herausgegeben von B. Kleeberg et al. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft. 227–243).
Durch die Verkürzung kippt die Darstellung, die in ihrer expandierten Form durchaus eine fundierte historische Analyse gewesen sein mag, ins Rechtsextreme.
