Also: Im Moment gibt es jede Menge schlechte Nachrichten und die Aktienmärkte dümpeln so vor sich hin. Krise hier, Krise da alles ganz schrecklich, beste Gelegenheit für Algorithmus-programmierende Astrophysiker und ihre angeschlossene Analysten, massenhaft Kohle aus dem Markt zu ziehen, indem sie ihn knallhart nach oben pushen.
Würde zumindest – eventuell – die Elliott-Wellen-Theorie sagen und vor dem großen Abrauschen zunächst noch neue Allzeithochs in den Aktienmärkten der westlichen Welt einplanen.
Wirklich? Redet nicht alle Welt von einer inversen Zinskurve, dass die Dollarschulden den Schwellenländern auf die Füße fallen, wenn die Zinsen für Ihre Kredite jetzt steigen, und überhaupt: Trump, Trump, Trump.
Nun ja: Ganz so einfach ist die Sache in der Regel nicht.
Faktor 1: Was passierte beim letzten Mal als die Zinskurve invertierte, der Zinssatz der 2-jährigen US-Staatsanleihen also höher war als der Zinssatz der 10-jährigen? Nun – die Zinskurve war ab Dezember 2005 invers und was machte beispielsweise der DAX? Ich verrate es Ihnen: Er stieg zunächst mal anderthalb Jahr an – um dann brutalst abzurauschen, Finanzkrise lässt grüßen! Und das Mal davor? Die Zinskurve war ab Februar 2000 invers – bereits einen Monat später begann der DAX sich nach unten zu ruckeln und verlor am Ende 70% an Wert. Peanuts also, wie man ironisch anmerken könnte. Was bedeutet das? Das bedeutet, dass es eine erhöhte Wahrscheinlichkeit gibt, dass der Markt zwischen August 2018 und August 2020 abrauscht. Oder halt auch nicht.
Faktor 2. Wagen wir ein kleines Gedankenspiel. Mario Draghi ist bis Oktober 2019 im Amt. Er ist sehr dowish – „taubenhaft“, was meint, dass er für ein geringes Zinsniveau in der Eurozone eintritt. Der Markt könnte nun erwarten, dass sein Nachfolger hawkish, also ein Falke ist, der die Zinsen hochzutreiben versucht. Ableitung: Bis in den Sommer 2019 steigt die Geschichte und dann rauscht der Markt in der Eurozone ab.
Faktor 3. Open Interest. Was das ist, bitte ich selbst nachzulesen. Kurzfassung: Es geht um Optionen und darum, an welchen Marken sich die Big Boys und das Smart Money absichern. Hier sieht es nach Stockstreet.de zur Zeit wie ungefähr wie folgt aus:
Bis September 2018 kann es bis 12000 runter gehen, bis Dezember pendelt der Markt zwischen 12000 und 13500, dann geht es unter reichlichem Hin und Her runter bis 11500. Im Juni hält sich der Markt entweder bei 12000 oder rauscht bis 10800 ab. Im Dezember könnte der Markt dann bei 10500 oder 10100 stehen, also einmal die Rutsche vom Allzeithoch bei ungefähr 13500 um 25% runter. Im Juni 2020 wären dann 12000 eine gute Unterstützung, die einen weiteren Absturz verhindert. Im Dezember 2020 sehen wir dann die 10400 und im Dezember 2021 spielt sich das Geschehen irgendwo zwischen 15000 und 10600 ab.
Woher ich das weiß? Der Witz ist der: Ich weiß es nicht, der Kaffeesatz, den ich lese, sind die Positionsgrößen der Calls und Puts, die bereits jetzt im Markt liegen. Sie sagen aus, welche Marken die Käufer erwarten. Diese Erwartungen ändern sich. Was weiß man letztlich also? Man weiß gar nichts. Die weitere Entwicklung ist nicht prognostizierbar.
Was nützt uns das? Nun, wenn man nicht gerade spekuliert, kann man zum Beispiel mit einer hohen Sicherheit voraussagen, dass die Situation in den Schwellenländern und in den Entwicklungsländern in den kommenden fünf Jahren häufig krisenhaft verlaufen wird. Die Schuldenkrise wird zurückkommen und internationale Spannungen dürften dies widerspiegeln. Möglicherweise verschärft sich die Tendenz zum Protektionismus und zur Abschottung der Märkte noch weiter.
Europa könnte an Bedeutung verlieren, wenn in einem Abschwung eine Finanzkrise und eine Eurokrise den Zusammenhalt weiter schwächen. Die Not von Menschen, die aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen oder weil sie vor einem Krieg flüchten, ihr Land verlassen, dürfte weiter steigen und in vielfältiger Weise politisch instrumentalisiert werden. Auch kann es gut sein, dass die Leute, die nach Westeuropa kommen, nicht unbedingt sympathischer werden. Zum einen könnte die Krise zum Zusammenbruch von Gesellschaften führen, zum anderen agieren Menschen um so irrationaler und aggressiver, umso mehr sie unter Anspannung stehen und ihre herkömmliche Orientierung verlieren. Weiterhin könnten die Sozialsysteme in den westeuropäischen Ländern unter Druck geraten, das Gleiche gilt für Renten und Pensionen.
Möglicherweise treffen auch die Thesen des Debitismus zu, der neben dem klassischen Wirtschaftszyklus zwischen einen kleinem und einem großen Schuldenzyklus unterscheidet.
Sollte diese Theorie stimmen, wären wir im großen Schuldenzyklus ungefähr an der gleichen Stelle, an welcher der Zyklus das letzte Mal ungefähr in den Jahren 1937 oder 1938 stand.
Dann dürfte es ziemlich ruckelig werden und Leute wie Trump, Le Pen und Orbán könnten uns wie eine Erinnerung an eine gute alte Zeit vorkommen, als Politiker noch rational und vernünftig agierten und zur Mäßigung fähig waren.
Hoffen wir, dass es nicht soweit kommt.
