Versuch einer Einordnung des derzeitigen US-amerikanischen Verhaltens gegenüber der Türkei aus historischer und geopolitischer Sicht

Es ist immer verführerisch, kurzsichtig auf aktuelle Geschehnisse zu schauen, Prozesse zu personalisieren und die Dinge damit zu trivialisieren. Ich möchte in diesem Beitrag etwas anderes versuchen.

Meine Fragestellung, es handelt sich um eine rhetorische Frage, ist: Warum behandeln die USA die derzeitige türkische Regierung so vorsichtig? Wäre es nicht eigentlich für die USA viel näher liegend, mit Erdogan ähnlich zu verfahren, wie es Obama mit Assad versucht und mit Gaddafi exekutiert hat?

Die Antwort, die ich hier vorwegnehmen möchte lautet: Nein, ist es nicht. Und Erdogan weiß das.

Gehen wir ein wenig zurück in der Geschichte. Warum entdeckte Kolumbus Amerika? Er wollten einen Seeweg nach Asien finden. Man sagt immer „nach Indien“, was auch teilweise stimmt.

Was war die ökonomische Motivation dahinter? Man muss zunächst mal wissen, dass „Indien“ in der damaligen Zeit nicht das Land Indien bezeichnete. „Indien“ wurde damals auch als Bezeichnung für Japan mitgebraucht, meinte also mehr oder weniger den gesamten südasiatischen Raum. Spanien befand sich im Wettstreit mit Portugal. Die Portugiesen versuchten den Weg zu den Gewürzinseln um Afrika herum zu entdecken, während Christoph Columbus die westliche Seeroute wählte. 

Der geostrategische Hintergrund dieses Wettlaufs zwischen Portugal und Spanien war die Eroberung Konstantinopels im Jahre 1453 und die Ausweitung des Osmanischen Reichs. Durch diese Entwicklungen war die Seidenstraße zwar nicht ganz unterbrochen, allerdings nutzten die Osmanen ihre Position zur Erhebung von Zöllen, welche z.B. Gewürze – zur damaligen Zeit ein begehrtes Luxusgut – massiv verteuerten.

Auch heute spielen der Bosporus und die Türkei eine Rolle, die zu zentral ist, um durch militärische Abenteuer ein unnötiges Abenteuer einzugehen. Istanbul bildet den Endpunkt des „China – Central Asia – West Asia – Corridor(s)“ der neuen Seidenstraße.

Die USA wären möglicherweise, würden sie zum Beispiele militärisch in der Türkei  intervenieren, in einem direkten Interessengegensatz sowohl mit Russland als auch mit China.

Nun soll das nicht heißen, dass sich die USA eine solche Intervention nicht leisten könnten, weil eine unmittelbare militärische Konfrontation mit China oder mit Russland drohen würde. Was allerdings garantiert die Folge wäre, wäre ein engerer Zusammenschluss von Russland und China.

Dies würde dem zentralen Motiv der US-amerikanischen Geopolitik entgegenstehen, das darin besteht, auf  jeden Fall zu verhindern, dass sich zwei relevante Mächte auf dem eurasischen Kontinent (Europa, Asien, Naher Osten) verbünden und somit die Vorherrschaft über Eurasien erlangen.

Nach Ansicht relevanter Geostrategen (z.B. Zbigniew Kazimierz Brzeziński) beherrscht die Welt, wer Eurasien beherrscht.

Aus dieser Perspektive ist ein dauerhafter Konflikt, der in der Schwebe bleibt, ohne dass eine Seite endgültig als Sieger aus der Auseinandersetzung hervorgeht, der Idealzustand.

Das dauerhafte, mehrpolige Spannungsverhältnis zwischen der Türkei, Russland, Iran, Saudi-Arabien und Israel ist also kein Zustand, den die US-Regierung auflösen sondern aufrechterhalten möchte.

Dabei werden kleinere Kollateralschäden (z.B. dass schlimmstenfalls das Sozialsystem in Deutschland zusammenbricht, weil der Konflikt so viele Flüchtlinge produziert, dass Destabilisierungseffekte auftreten) billigend in Kauf genommen.

Im großen geostrategischen Schachspiel ist so etwas ein Bauer, der – wie beim Königsgambit – bereits im zweiten Zug der Partie problemlos geopfert werden kann.

Natürlich sind auch ganz andere Interpretationen der aktuellen Gemengelage, als diejenige, die hier vorgestellt wurde, berechtigt.

Der Grund, warum ich diese Sichtweise hier dennoch zur Kenntnis bringe, ist der Folgende. Die Deutschen neigen dazu, bei der Betrachtung ihres eigenen Nabels, den sie für den Nabel der Welt halten, ihre relative Unbedeutsamkeit im großen Spiel, dessen Regeln sie meistens noch nicht einmal verstehen, zu vergessen.

Mein Tipp: Lernen Sie Schach!

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