Es kann Situationen geben, in denen wird der Mensch schmerzlich daran erinnert, dass seine Kontrollillusionen vor allem eines sind: Illusionen.
Fragilität, Robustheit und Antifragilität
Oder wie Taleb es in seinem Buch „Antifragilität“ ausdrückte: auch ein antifragiler Mensch bzw. ein antifragiles System ist ab einem gewissen Stresspegel fragil.
Dennoch ist es sinnvoll – egal in welchem Bereich – so zu agieren, dass man mindestens robust aufgestellt ist, also ähnlich wie Phönix nach jedem Niederschlag wieder aus der Asche aufsteigt, wie Taleb das formuliert.
Noch besser ist es, wenn man – hier verwendet Taleb das Bild der Hydra, der jedesmal, wenn ihr jemand einen Kopf abschlug, zwei neue Köpft wuchsen – antifragil ist.
Das bedeutet, dass man Krisen nicht nur übersteht, sondern in Krisen sogar besser und stabiler wird.
Nehmen wir das Thema Aktien und Absicherungen.
Selbst die beste Strategie geht von ein paar Grundvoraussetzungen aus. Solche Grundvoraussetzungen sind zum Beispiel, dass wir überleben, dass die Wirtschaft nicht komplett zusammenbricht, dass unsere Zivilisation eine gegebene Krise übersteht.
Es gibt übrigens keinen Grund davon auszugehen, dass diese Grundvoraussetzungen in der aktuellen Corona-Krise nicht mehr gegeben sind, auch wenn die Verwerfungen möglicherweise erheblich sein werden.
Anders als viele Zukunftsforscher gehe ich persönlich davon aus, dass die genauen Folgen der Coronakrise nicht prognostizierbar sind.
Manches ist wahrscheinlich. Am wahrscheinlichsten aber sind überraschende Szenarien und unvorhergesehene Entwicklungen.
Allerdings spielen diejenigen von uns, die ein wenig über den Tellerrand schauen und sich vom Denken in linearen Wahrscheinlichkeiten verabschiedet haben, zur Zeit Szenarien durch, über die nachzudenken unser Gehirn (zum Glück) nicht gewöhnt ist.
Obwohl es unangenehm und beunruhigend ist, hilft so eine mentale Simulation, für sich selbst Wege zu finden, auf denen man mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit relativ betrachtet zu anderen Wegen gut durch die Krise kommt.
Mein Weg sieht zum Beispiel folgendermaßen aus:
Edelmetalle
Mein persönlicher Ausgangspunkt am Anfang der Krise war eine Position von zirka 20% meines Depots, gehalten in physischem Gold. Diese Position habe ich durch Minenaktien und Silber-ETFCs noch ein wenig ausgebaut, so dass meine Hedge-Position, wie ich sie für mich nenne, aus drei Komponenten besteht, die alle je nach Szenario spezifische Risiken haben.
Meine physische Goldposition wäre im Falle eines Goldverbotes tangiert.
Meine Minenaktien wären dann tangiert, wenn die Corona-Krise dazu führen würde, dass die Minen so lange geschlossen blieben, dass die Betreiber pleitegehen würden.
Und meine Silber-ETFCs wären in dem Moment im Risiko, wenn es bei den Edelmetallen die Nachfrage so groß wird, dass die ETFC-Anbieter auf dem Markt kein Gold mehr erwerben können.
Man sieht: auch hier greifen verschiedene Absicherungen nur bis zu einem gewissen Punkt.
Absolute Sicherheit gibt es nicht und kann es auch nicht geben. Daran werden wir gerade auf eine unangenehme Weise erinnert.
Aktien
Was mache ich sonst noch aktuell? Zum einen habe ich ein Stück weit umgeschichtet und setze diese Umschichtung auch mittelfristig fort.
Zum Beispiel habe ich REIT-Aktien aus dem Retail-Bereich verkauft und stattdessen Aktien aus dem Gas-Sektor (die nicht zu stark von der Krise der Fracking-Industrie betroffen sind) eingetauscht.
Diese Gasaktien sind zwar genauso stark gefallen wie die REITS. Allerdings denke ich, dass die Erdgas-Werte sich mit einer höheren Wahrscheinlichkeit erholen müssten.
Ob der Einzelhandel es hingegen so gut übersteht, wenn sich die Leute im Shutdown angewöhnen, online einzukaufen, weiß ich nicht.
Der Gasverbrauch ist von den gegenwärtigen Preisturbulenzen auf dem Ölmarkt aber wahrscheinlich langfristig nicht sonderlich stark betroffen.
Außerdem haben vor allem Midstream-Unternehmen (Ferntransport & Aufbereitung von Erdgas) relativ stabile Cash-Flows, so dass aus meiner Sicht das Risiko der Insolvenz bei diesen Unternehmen deutlich geringer ist als bei Einzelhandels-REITS.
Die zweite Umschichtung betrifft alle anderen Unternehmen, bei denen ich im Augenblick von einem erhöhten Insolvenz-Risiko ausgehe. Also eher kleinere Unternehmen, denen die Nachfrage wegbricht. Hier hat es keinen Zweck zu warten, bis sie Insolvenz anmelden. Raus damit!
Aber: ich weiß nur, dass ich nichts weiß, also reinvestiere die die Erträge sofort wieder. Auch dann, wenn ich persönlich davon ausgehe, dass die wahrscheinlichste Variante diejenige ist, bei welcher der DAX bei zirka 2000 Punkten aufschlägt. Auch ein sogenanntes L möchte ich nicht ausschließen.
Wenn ich zukaufe, und das tue ich jeden Monat mit einem festen Betrag und außerdem mit den Geldern, die ich durch die oben erwähnten Verkäufen realisiert habe, wähle ich im Augenblick Standard & Poor auf A-Nivau geratete Aktien von Unternehmen aus, die im weitesten Sinne den Bereichen Grundversorgung (Lebensmittel, Getränke – einschließlich Alkohol), Tabak und Pharma entstammen.
Rüstung und Anbieter von Online-Spielen finde ich persönlich nicht so unterstützenswert, weshalb in diese Sektoren nicht investiere.
Durch die Umschichtung und geänderten Präferenzen bei gleichbleibender Investitionsrate entsteht ein Aktienportfolio, das in sich ebenfalls eine zweite Art von Schutz bietet.
Dieser Schutz kommt dadurch zustande, dass ich auf ein gutes Rating, auf günstige Bewertungen (z.B. Schiller-KGV und KGV unter 20, Free-Cash-Flow deckt Current Debt und Short Time Debt) und stabile Geschäftsmodelle achte. Natürlich werden auch hier die Einnahmen temporär geringer ausfallen. Dennoch ist das Risiko begrenzt.
Eine innere Zeitreise
Aber ist dies wirklich der beste Weg? Was ist, wenn Sie sich irren? Wenn ich mich irre?
Vielleicht hilft dem einem oder anderen der Gedanke, dass in einem deflationären Schock, in dem wir uns gerade befinden, fast jeder der mit „normalen“ Mitteln agiert, verliert. Die Frage ist eher, wie es mittel- und langfristig aussieht.
Egal, welchen Weg man wählt, es gilt selbstverständlich: absolute Sicherheit gibt es nicht.
Hiervon auszugehen, macht es einfach und man tut gut daran, sich nicht unnötig dadurch verrückt zu machen, dass man eine Kontrolle anstrebt, die außerhalb der eigenen Möglichkeiten liegt.
Gehen Sie doch einmal auf eine innere Zeitreise. Stellen Sie sich vor, wir haben das Jahr 2030.
Die entscheidende Frage ist: Haben die Entscheidungen, die Sie im Jahr 2020 getroffen haben, aus der Sicht, die Sie (imaginär) im Jahr 2030 haben, Sinn gemacht?
Waren Ihre Entscheidungen rational und verantwortungsbewusst?
Waren die Risiken, die Sie eingegangen sind, verantwortbar?
Wenn Sie diese Fragen mit „ja“ beantworten können, ist alles gut.
Mehr können Sie (aktuell, aber auch zukünftig) nicht tun.
Die einzelnen Entscheidungen müssen Sie für sich selber tragen.
Die Risiken ebenso.
Da kann Ihnen leider niemand bei helfen.
