Beatmungskapazitäten, Remdesivir und die Dynamik von Hammer and Dance

Der FOCUS meldet am 3. Mai: Remdesivir könnte „in wenigen Tagen“ die EU-Zulassung für die Corona-Behandlung erhalten.

Sollte dies geschehen, ist zu erwarten, dass die Rate der SARS-Cov2-Patienten, die über längere Zeit auf der Intensivstation behandelt werden müssen, etwas sinkt.

Wie groß dieser Effekt sein wird, ist derzeit schwer abzuschätzen. Wünschenswert wäre natürlich, dass das Medikament bei einem hohen Anteil von Patienten mit schwerem Verlauf die Symptome wirksam bekämpft, so dass gefährliche Komplikationen möglichst selten auftreten.

Dieser Gedanke kam mir spontan, als ich die Nachricht las.

Außerdem musste ich an ein Youtube-Video denken, das ich am Tag zuvor gesehen hatte:

Christian Rieck, ein Frankfurter Mathematik-Professor mit dem Schwerpunkt Spieltheorie, stellt in einem Videobeitrag die aktuellen Debatten in eine interessante Perspektive: Die Maßnahmen müssten zwischen Lockdown und Lockerung oszillieren und zwar so, dass sich die Infektionsrate nach Möglichkeit immer so verhält, dass die Kapazitätsgrenze für Beatmungspatienten nicht überschritten wird, die  Rate der intensivmedizinisch zu behandelnden Patienten aber auch nicht zu stark sinkt.

Eine interessante Perspektive.

Der Gedanke dahinter erscheint intuitiv einleuchtend:

Zunächst einmal geht Rieck davon aus, dass die einzige Lösung, die nicht durch das Demoklesschwert einer zweiten Welle gefährdet werden kann, die Herdenimmunität ist. Diese kann durch Massenimpfung oder durch Infektion erreicht werden.

Mittelfristig kann eine zu starke Lockerung zu einer früheren Herdenimmunität führen als eine restriktive Politik.

Sobald jedoch die Kapazitätsgrenze der Intensivbetten überschritten ist, würden alle Menschen sterben, die ohne intensivmedizinische Maßnahmen nicht überleben könnten.

Eine zu strikte Schließung wiederum würde zu einer dauerhaften und extremen Einschränkung der Lebensqualität führen. Auch die Grundrechte der Bevölkerung wären massiv betroffen. Ganz zu schweigen von den wirtschaftlichen Schäden, die ein solches Vorgehen verursachen würde.

Eine große Gefahr eines strikten Shutdowns besteht darin, dass jederzeit wieder ein exponentielles Wachstum eintreten könnte, das einen erneuten Shutdown (mit allen negativen Begleiterscheinungen und Implikationen) erforderlich machen würde.

Die Lösung liegt also – in der Logik von Riecks Vorschlag – in einem flexiblen Prozess kleiner Schritte, die mal in die eine, mal in die andere Richtung gehen.

Dabei können Lernerfahrungen gemacht werden.

Ein Beispiel: Wie wirken Masken in der Öffentlichkeit? Was bewirkt die Öffnung der Schulen? Welchen Effekt hätte es, die Turnhallen wieder zu öffnen?

Ergänzend kann erwähnt werden, dass es aus dieser Perspektive durchaus von Vorteil ist, wenn die einzelnen Bundesländer eine unterschiedliche Politik in Bezug auf die Korona verfolgen.

So können verschiedene Bundesländer verschiedene Varianten ausprobieren. Die daraus resultierende Informationsfülle hilft letztlich allen, die Maßnahmen zu optimieren und zu evaluieren.

Das Problem in neuen Situationen ist, dass niemand den richtigen Weg kennt (auch wenn viele glauben, die einzig wahre Lösung zu kennen).

Es ist also möglich, dass beide Seiten in der Debatte ein wenig Recht haben.

Die „virologische“ Perspektive einer strikten Schließung müsste mit der grundrechtlichen und wirtschaftlichen Perspektive der Befürworter einer Lockerung in ein sinnvolles und dynamisches Gleichgewicht gebracht werden.

Kurzfristige Lösungen sind eher unwahrscheinlich (es sei denn natürlich, es werden ein oder besser mehrere Impfstoffe gefunden oder Remdisivier erweist sich als viel wirksamer, als ich es derzeit vermute – ich wünschte, ich hätte Anfang Januar Aktien von Gilead Sciences für 58,17 Euro gekauft).

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