Seit Monaten häufen sich die Warnungen, vor einer aufkommenden Inflation. Manche malen sogar das Schreckgespenst einer „Hyperinflation“ an die Wand.
Als mehr oder weniger ausgeschlossen gilt im Rahmen dieses Narrativs eine Zinserhöhung. Diese würde marode Staatshaushalte zum Umkippen bringen und so einen Crash nie gekannten Ausmaßes heraufbeschwören.
Möglicherweise liegen die Dinge nicht ganz so einfach. Nicht unwahrscheinlich ist, dass die Notenbanken – allen voran die FED – die Inflation zunächst einmal eine ganze Zeit lang laufen lässt. Dies hätte den angenehmen Nebeneffekt, dass der reale Wert der Staatsschulden sinken würde.
Inflation ist neben einem Schuldenschnitt, Steuererhöhungen, einer Währungsreform und Enteignungen eine Variante, mit hohen Staatsschulden umzugehen. Und sie ist bei weitem die eleganteste Methode, weil sie quasi von alleine passiert und der Staat scheinbar nicht aktiv dazu beiträgt.
Gehen wir also davon aus, dass die Inflation eine Zeit lang das Bild beherrschen wird. Irgendwann wird sie aber wieder eingefangen werden müssen. Dies geschieht durch eine Zinserhöhung. Höhere Zinsen wirken wie eine Inflationsbremse. Zum anderen haben sie den Charme, dass sich die Staatsschulden (in Form von Staatsanleihen) mit hohen Zinsen, also einer hohen Rendite, besser verkaufen lassen.
Stellt man diese Faktoren in Rechnung kann man zu der Schlussfolgerung gelangen, dass wir zunächst eine Phase der Inflation erleben werden und ab irgend einem Zeitpunkt dann die Zinsen erhöht werden, um die Inflation wieder einzufangen. Wie die Märkte auf steigende Zinsen reagieren, deutete sich seit der FED-Sitzung vom 16. Juni 2021 an: wird seitens der Zentralbank auch nur die Möglichkeit einer Zinswende angedeutet, drücken Anleger flächendeckend den Sell-Button. Bis sie dann feststellen, dass die Sau ein bisschen zu früh durch das Dorf getrieben wurde und dann in eine Kaufpanik verfallen.
Sollte eines Tages tatsächlich die Zinswende starten, dürfte es lustig werden. Das derzeitige Rückschlagspotential beim S&P 500 liegt zwischen 24 und 35%. Dies ist allerdings weit entfernt von den 80% Drowdown, die von einer Reihe von Untergangspropheten in den Raum geworfen werden. Nicht vergessen sollte man allerdings, dass hohe Zinsen die Refinanzierungskosten verschuldeter Unternehmen erhöhen und damit die Gewinne reduzieren. Dies dürfte das genannte Rückschlagspotential ein Stück weit erhöhen.
