Woher kommen die Impfgegner im deutschsprachigen Raum? Eine große Gruppe, die besonders im Südwesten Deutschlands einflussreich sind, sind die Anthroposophen. In dieser Artikelserie wird nach dem Vorbild eines Fortsetzungsromans täglich ein weiterer Einblick in das irrationale Denken der Anthroposophie gegeben. Als Beispiel dient die Rassentheorie Rudolf Steiners.
Der Gesamttext erschien 2012 unter dem folgenden Titel: Heiko Seiffert (2012): Rassistische Elemente in der Anthroposophie (1904 bis 1953). Shaker Verlag, 14,90 €.
1.2 Selbstverständnis und Ansatz der Anthroposophie
Es handelt sich beider Anthroposophie um eine okkulte Lehre, deren Grundannahme darin besteht, dass „im Geistigen der Urgrund des Materiellen“ liege1, wobei „Geist“ sowohl im gebräuchlichen Sinne als Gegenbegriff zu „Natur“ als auch im okkulten Sinne als „übersinnliche Wesenheiten“ gefasst ist.2
Steiner bezeichnete seine Lehre deshalb als „Geisteswissenschaft“3 und bemühte sich, seine Anhänger durch Schulung in die Lage zu versetzen, „höhere Welten“ so unmittelbar wie körperliche Dinge durch Sinnesorgane wahrzunehmen.4 Letzteres soll durch die von Steiner entwickelte „geisteswissenschaftliche Schauung“ möglich sein, deren erste Stufe Imagination, gefolgt von Inspiration und Intuition, sein soll.5 Die Resultate solcher „Schauung“ sind weder überprüfbar noch wiederholbar. Dennoch erhob Steiner den Anspruch, dass es sich bei ihnen um wissenschaftliche Erkenntnisse handle.6
Auch Steiners Rassentheorie und seiner Darstellung der Frühgeschichte des Menschen lag diese „Methode“ zugrunde7, so dass sie zwar beschrieben, analysiert und dahingehend überprüft werden kann, ob sie rassistisch im Sinne der Definition von Imanuel Geiss ist, nicht aber durch Gegenüberdarstellung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse kritisiert werden kann, da ihr quasireligiöser Charakter ein solches Vorgehen ausschließt.
1 Rudolf Steiner, Die Welträtsel und die Anthroposophie (1905/1906), Dornach 1966 ( Rudolf Steiner Gesamtausgabe 54), S. 41.
2 Siehe Abschnitt 2.3.1
3 Vgl. zum Beispiel Rudolf Steiner, Menschenwesen, Menschenschicksal und Weltentwicklung (1923), Dornach 1978 (Gesamtausgabe 226), S. 60f.
4 Vgl. Heinrich Schmidt, Philosophisches Wörterbuch. Neu bearbeitet von Georgi Schischkoff, Stuttgart 1982, S. 29.
5 Vgl. Reiner Ullrich, Waldorfpädagogik und okkulte Weltanschauung. Eine bildungsphilosophische und geistesgeschichtliche Auseinandersetzung mit der Anthropologie Rudolf Steiners, Weinheim/München 1986, S. 84f.
6 Vgl. ebd. S. 205.
7 Vgl. Steiner, Aus der Akasha-Chronik (1909), Herausgegeben von Marie Steiner, Dornach 1964 (GA 11), S. 22ff.
