Woher kommen die Impfgegner im deutschsprachigen Raum? Eine große Gruppe, die besonders im Südwesten Deutschlands einflussreich sind, sind die Anthroposophen. In dieser Artikelserie wird nach dem Vorbild eines Fortsetzungsromans täglich ein weiterer Einblick in das irrationale Denken der Anthroposophie gegeben. Als Beispiel dient die Rassentheorie Rudolf Steiners.
Der Gesamttext erschien 2012 unter dem folgenden Titel: Heiko Seiffert (2012): Rassistische Elemente in der Anthroposophie (1904 bis 1953). Shaker Verlag, 14,90 €.
1.3 Das anthroposophische Menschenbild
Steiners Menschenbild, das den Rahmen seiner Rassentheorie bildet1, verdeutlicht exemplarisch den Anspruch der Anthroposophie, eine exakte Erfahrungswissenschaft höherer Welten zu praktizieren. Aufgrund seines Postulats, dass Kosmos und Mensch einander widerspiegeln, entwickelte Steiner eine ganz auf den Menschen bezogene Weltvorstellung, in der Welt, Natur, Geschichte und Mensch eine sinnhaft verknüpfte Ganzheit bilden.
Der Mensch besteht nach Steiner aus verschiedenen Wesensteilen. Zu ihrer Einteilung nahm er einerseits eine Vier-, andererseits eine Dreigliederung an, wobei beide Einteilungen ineinander greifen.
1.3.1 Viergliederung des Menschen
Steiners Theorie des viergliederigen Menschen lässt sich wie folgt zusammenfassen:
Der Mensch besteht aus physische Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich, wobei nur das unterste Wesensglied, der physische Leib, für das bloße Auge sichtbar ist und mit naturwissenschaftlichen Mitteln erforscht werden kann. Die mit bloßem Auge nicht sichtbaren höheren Glieder des Menschen bilde die „Aura“. Sie sind durch zunehmende Vergeistigung2 gekennzeichnet und können nur mittels der oben angeführten hellseherischen Fähigkeiten (Imagination, Inspiration und Intuition) wahrgenommen werden. Körperlich manifestierten sich der Ätherleib in den Körperflüssigkeiten (bzw. dem Drüsensystem), der Astralleib im Atmungssystem (bzw. im Nervensystem) und das Ich in der Eigenwärme des Menschen (bzw. im Blut)3 Der physische Leib hat seinen Schwerpunkt im Skelett4. Der physische Leib unterliegt den Naturgesetzen; über ihn verfügen bereits die Minerale. Der Ätherleib ist der Träger von Ernährung, Wachstum, Fortpflanzung, des Temperaments, der Gewohnheiten und des Gedächtnisses; über ihn verfügen die Pflanzen. Das dritte “Naturreich“ (das der Tiere) ist durch den Astralleib gekennzeichnet, der unter anderem Träger von Lust, Schmerz, Trieben und Leidenschaften ist. Spezifikum des Menschen ist das Ich, das Träger des menschlichen Selbstbewusstseins, der Individualität und der Moralität ist. In ihm leuchtet als unsterblichen Teil des Menschen das „ewig Geistige“ auf.5
1.3.2 Dreigliederung des Menschen
Bei der Unterscheidung dreier Wesensteile des Menschen griff Steiner auf Aristoteles Einteilung des Menschen in Körper, Seele und Geist und Platons Annahme, die menschliche Seele spalte im Denken, Willen und Begierde, zurück.6 Die Platonische Trichotomie ist im anthroposophischen Menschenbild dahingehend modifiziert, dass Wille und Begierde zum „Wollen“ zusammengefasst sind und stattdessen „Gefühle“ als Vermittlungsinstanz zwischen Denken und Wollen angenommen werden. Das Wollen, die „niederen“ Triebe, sind dabei den Gefühlen und diese dem Denken untergeordnet.7
1.3.3 Das Verhältnis der beiden Gliederungen zueinander
Die oben beschriebenen Unterstellungen stehen nach anthroposophischer Anschauung nicht separat, sondern greifen ineinander: Während der menschliche Körper in physischen Leib, Ätherleib und Astralleib unterteilt sein soll, spaltet sich das Ich nach Ansicht der Anthroposophen in Empfindungs-, Verstandes-, und Bewusstseinsseele. Der menschliche Geist wird nochmals unterteilt in Geistselbst, Lebensgeist und Geistmensch. Vereinfachend werden bei dieser Neungliederung die drei Glieder des Ich oft als Einheit belassen, woraus eine Siebengliederung in physischen Leib, Ätherleib, Astralleib, Ich, Geistselbst, Lebensgeist und Geistesmensch resultiert8, die Steiners Theorie des Anthropogenese und der anthroposophischen Lehre der Genese der „Rassen“ als Grundlage dient.9
1.3.4 Karma, Reinkarnation und Vererbung
Körper, Seele und Geist sind für Steiner auf unterschiedlichen Ebenen angesiedelt. Während der Körper für ihn sterblich ist und den Gesetzen der Vererbung unterliegt, soll die Seele von Karma, dem selbst geschaffenen Schicksal des Menschen, bestimmt sein und den Zusammenhang von Körper und Geist während eines Menschenlebens vermitteln. Letzterer wird von Steiner als unvergänglich und von Leben zu Leben wieder verkörpert angenommen.10 Aus diesem Modell folgte für Steiner, das die Eigenschaften einer Person aus vorausgegangenen seelischen und geistigen Existenzen abgeleitet werden können und entsprechend die Taten eines Menschen im heutigen Leben die Lebensverhältnisse seines Geistes im späteren Leben beeinflussen.11Dies soll durchaus nicht im Widerspruch zur Determination des physischen Leibes durch biologische Vererbungsprozesses stehen: „Nehmen wir an, es sei oben auf dem astralen Plan eine Seele bereit, sich zu verkörpern, und suche nach einem physischen Leibe. Sie hat sich vor Jahrhunderten oder Jahrtausenden besondere musikalische Fähigkeiten erworben. Findet sie nicht den physischen Leib mit den passenden Ohren, kann sie nicht Musiker werden.“12 Es gab also für Steiner, wie Heiner Ullrich es zutreffend formuliert, „zwei Formen der Evolution“, zum einen den biologischen Fortpflanzungsprozess, zum anderen einen damit verknüpften geistigen Vererbungsprozess.13
1 Vgl. Abschnitt 2.1 und 2.3.
2 Vgl. Abschnitt 1.2 und 2.3.1.
3Nach Ullrich, Waldorfpädagogik, S.81 und 84-86; zur körperlichen Manifestation der Wesensglieder siehe auch Rudolf Steiner. Die Mission einzelner Volksseelen im Zusammenhange mit der germanisch- nordischen Mythologie (1910), Dornach 1962 (Ga 121), S. 107.
4 Vgl. Ullrich, Waldorfpädagogik, S. 84
5 Vgl. ebd. S.84ff.
6Vgl. Ullrich, Waldorfpädagogik, S. 89-93 und Hans Joachim Störing, Kleine Weltgeschichte der Philosophie, FFM 1987, S. 164 und 184.
7 Vgl. Ullrich, Waldorfpädagogik, S. 89
8Vgl. Adolf Baumann, Wörterbuch der Anthroposophie, Grundlagen, Begriffe, Einblicke, Bern 1986, S. 2.
9Siehe Abschnitt 2.3.1.
10 Vgl. Ullrich, Waldorfpädagogik, S. 93 u. 96..
11 Vgl. ebd. S. 96. Steiner war in seinem Wortgebrauch oft sehr nachlässig und benutzten “Seele“ und “Geist“ oft wie austauschbare Begriffe.
12 Rudolf Steiner, Die geistigen Wesenheiten in den Himmelskörpern und Naturreichen (1912), Dornach 1974 (GA 136), S. 77.
13 Vgl. Ullrich, Waldorfpädagogik, S. 94. Die Konsequenzen dieser These für die Steinersche Rassentheorie werden in Abschnitt 2.1. deutlich werden.
