Woher kommen die Impfgegner im deutschsprachigen Raum? Eine große Gruppe, die besonders im Südwesten Deutschlands einflussreich sind, sind die Anthroposophen. In dieser Artikelserie wird nach dem Vorbild eines Fortsetzungsromans täglich ein weiterer Einblick in das irrationale Denken der Anthroposophie gegeben. Als Beispiel dient die Rassentheorie Rudolf Steiners.
Der Gesamttext erschien 2012 unter dem folgenden Titel: Heiko Seiffert (2012): Rassistische Elemente in der Anthroposophie (1904 bis 1953). Shaker Verlag, 14,90 €.
2 Rudolf Steiners Rassentheorie
Steiners Auseinandersetzung mit der „Rassenfrage“ fand im Wesentlichen in den Jahren 1904 bis 1912 statt1, denen ein längerer Zeitraum (1913-1918) folgte, in dem „Rasse“ nicht Gegenstand seiner Reflexion war. Ab 1919 griff er das Thema vereinzelt wieder auf2, wobei es ihm in erster Linie darum ging zu belegen, warum „das Rassenmäßige“ in Zukunft an Bedeutung verliere.3 Da die Aussagen der Spätphase denen der Frühphase nicht grundlegend widersprechen4, habe ich mich entschlossen, beide als Einheit zu behandeln und nicht separat darzustellen.
2.1 „Rasse“-Begriff
Für Steiner ist die Menschheit einerseits durch eine „einheitliche Natur und Wesenheit“5 gekennzeichnet in der Weise, wie es oben bereits dargestellt worden ist.6 Andererseits, so Steiner, spreche die geisteswissenschaftliche Weltanschauung nicht in dem Sinne von dem einheitlichen Menschen wie andere.7 Diese Abweichung von anderen Ideensystemen lässt sich für Steiner darin fassen, dass es sowohl eine „einheitliche (…) Wesenheit“ des Menschen, als auch eine Spaltung in „Rassen“ gebe.8
Der Steinersche „Rasse“-Begriff unterscheidet sich allerdings grundlegend von dem der Rassentheoretiker des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Er ist nicht durch „Blut“, sondern durch die von Steiner postulierte Wiederverkörperung konstituiert und zerfällt in mehrere Elemente, die zum Teil weit über den traditionellen „Rasse“-Begriff hinausgehen.
Steiner unterscheidet zwischen menschlichen „Grundrassen“9, „Wurzelrassen“ und „Unterrassen“. „Grundrassen“ bezeichnet die Ebene, auf die auch der traditionelle „Rasse“-Begriff zielt: die heute vorhandenen, nach äußerlichen Merkmalen abgrenzbaren Großgruppen der Menschheit; wobei Steiner bei der Einteilung in erster Linie von der Verschiedenheit der Hautfarben ausgeht und zwischen Schwarzen („Negerrassen“), Malayen, Mongolen, Indianern und Weißen (Kaukasier) unterscheidet.10
In „Die Mission einzelner Volksseelen“ werden auch die Juden als „Rasse“ bezeichnet, ohne dass sie allerdings von Steiner in den Kanon der „Grundrassen“ aufgenommen wurden und ohne dass er diese Einordnung an anderer Stelle aufgegriffen hätte.11
Die von Steiner vorgenommene Einstellung der Menschheit in Kaukasier, Mongolen, Schwarze, Indianer und Malayen geht auf Johann F. Blumenbach zurück, der diese 1775 in seiner Schrift „De generis humanis varietate nativa“ eingeführt hat. Sie ist deswegen ungewöhnlich, weil die meisten Rassenkonzepte von nur drei bis vier „Rassen“ ausgingen. So hat beispielsweise Gobineau Gelbe, Schwarze und Weiße unterschieden und Le Bon „Primitivrassen“, niedere, mittlere und höhere „Rassen“.12
Die Begriffe „Wurzelrassen“ und „Unterrassen“ zielen auf die Entwicklung der Menschheit auf der uns heute bekannten Erde13 und gehen im Wesentlichen auf Helena P. Blavatsky zurück, die in ihrer „Geheimlehre“ behauptet hat, es gebe mehrere Verkörperungen der Erde, die jeweils in sieben „Runden“ zerfielen. Jede „Runde“ teile sich wiederum in „Wurzelrassen“, wobei die gegenwärtige Menschheit sich in der fünften „Wurzelrasse“ befinde, die sich wie alle vorausgegangenen auch in sieben „Unterrassen“ teile.14
Die erste „Wurzelrasse“ sei von „höheren und halbgöttlichen Wesen aus ihrer eigenen Wesenheit heraus projiziert“ worden.15 Die zweite Stufe der Menschheitsentwicklung wird bei Blavatsky als „die geschlechtslose Rasse“16, die dritte als die „doppelgeschlechtliche Einheit der dritten Wurzelrasse“17 oder als „Lemurier“18 und die vierte als „Atlantier“19 bezeichnet.
Nach Gutenberger/ Schweidlenka stellt die Wurzelrassentheorie eine Verknüpfung der von Joachim von Fiores (1145-1202 n. Chr.) stammende Sieben-Zeitalter-Lehre, die eine wichtige Grundlage des abendländischen Okkultismus bildet, mit den seit Ende des 18. Jahrhunderts aufkommenden Rassentheorien dar.20
Steiner modifiziert diese Einteilung und stellt sich die Erdentwicklung als System mehrerer „planetarische Systeme“, die ihrerseits in „Runden“ und „Globen“ oder „Formstände“ zerfallen, vor. Im gegenwärtigen (physischen) „Formzustand“ der Erdenentwicklung durchlaufe die Menschheit sieben „Wurzelrassen“, die ihrerseits in jeweils sieben „Unterrassen“ zerfielen.21 Bisher habe die Menschheit die polarische, hyperboräische, lemurische und atlantische „Wurzelrasse“ durchlaufen. Letztere habe sich in Rmoahals, Tlavatli-Völker, Tolteken, Ur-Turanier, Ur-Semiten, Akkadier und Mongolen gegliedert. Die gegenwärtige nachatlantische „Wurzelrasse“ haben bislang die urindische, urpersische, ägyptische- chaldäische und griechisch – römische „Unterrasse“ hinter sich gelassen.22
Die drei Elemente des Steinerschen „Rasse“-Begriffs bilden eine Einheit, da sie durch die Annahme, es existiere ein gemeinsamer Sinn sowohl der Entwicklung der „Grundrassen“, als auch der „Wurzel-“ und „Unterrassen“, verknüpft sind.
Für alle gelte: „Rasse für Rasse macht der Mensch durch. Diejenigen, welche junge Seelen sind, verkörpern sich in denjenigen Rassen, welche auf ihrer früheren Rassenstufe zurückgeblieben sind.“23
An dieser Stelle ist ein kurzer Rückgriff notwendig: Wir haben gesehen, dass es im Steinerschen Denken zwei miteinander verknüpfte Formen der Evolution gibt: den biologischen Fortpflanzungsprozess und einen geistigen Vererbungsvorgang.24 Beide sollen auch für die „Rassen“-Entwicklung gelten, obwohl deren biologische Komponente im Gegensatz zu anderen Rassenkonzeptionen bei Steiner nicht im Vordergrund stand. Wir er selber zugestand, befand er sich in der Gefahr, „im Gebrauch der Analogie zu weit“ zu gehen25, und er bemühte sich, seinen Begriff von „Rasse“ den damals üblichen Wortgebrauch anzupassen.
Dies führte zu der die Darstellung erschwerenden Situation, dass der implizit in Steiners Schriften enthaltene „Rasse“-Begriff der von ihm formulierten Definition von „Rassen“ teilweise widerspricht.
Steiner merkte in „Welt, Erde und Mensch“ an, dass von einer „Rassenentwicklung im wahren Sinne des Wortes“ nur „während der atlantischen Entwicklung“ gesprochen werden könne.26
„Rassen“ seien eigentlich nur dann gegeben, wenn „Menschen nach äußerer Physiognomie so sehr voneinander verschieden“ seien, dass „man von verschiedenen Gestalten sprechen“ könne.27
Diese Widersprüche in der Begrifflichkeit sind die unvermeidlich Konsequenz des misslungenen Versuchs, die beiden postulierten Formen der Evolution schlüssig miteinander zu verknüpfen: Die Annahme aufeinander folgender „Unterrassen“ zwischen denen keine biologische Vererbungskontinuität bestehen muss, deren Gesamtentwicklung aber dadurch miteinander verknüpft ist, dass sich die Seelen der einen „Rasse“ in den Körpern der nächst höheren „Rasse“ reinkarnieren, widerspricht dem biologisch konstituierten „Rasse“-Begriff. Die Definition von „Rasse“ als „verschiedene Gestalten“ setzt aber den biologischen Vererbungsprozess und seine differenzierende Wirkung auf die menschliche Physiognomie gerade voraus.28
Besonders deutlich wird dies anhand Steiners Auffassung von der Phylogenese der Malayen: Diese „Grundrasse“ sei biologisch dadurch entstanden, dass sich Teile atlantischer „Überreste“ mit Nachfahren der „Ursemiten“ (der fünften atlantischen „Unterrasse“) verbunden hätten. Die „Ursemiten“ seien darüber hinaus außerdem die biologischen Vorfahren sowohl der „Arier“ als auch der Araber und Juden gewesen.29 Diese Phylogenese beeinflusste aber weder Steiners Auffassungen über die Abfolge der „Unterrassen“ noch seine Theorie der Genese der „Grundrassen“, die ich später noch darstellen werde.30
Es kann also festgehalten werden, dass bei Steiner sowohl ein „Rasse“-Begriff im engeren Sinne, der dem in der damaligen Zeit üblichen Sprachgebrauch zwar ähnelte, aber dennoch nicht den biologischen Fortpflanzungsprozess als entscheidendes Kriterium für „Rasse“ setzt, als auch ein eher metaphorischer, im übertragenen Sinne verwendeter, der ausschließlich auf die von Steiner postulierte geistige Wiederverkörperung zielt, zu unterscheiden ist. Beide Spielarten des „Rasse“-Begriffs sind dadurch miteinander verknüpft, dass Steiner ihnen als gemeinsame Funktion die Höherentwicklung des seelischen Potentials der Menschheit zuwies. Die dargestellten Besonderheiten des Steinerschen „Rasse“-Begriffs resultieren daraus, dass der Begründer der Anthroposophie Blavatskys Konzeption einer Menschheitsentwicklung als Abfolge mehrerer Wurzel und „Unterrassen“ übernahm.
Diese bedeutete den Versuch, die These der Rassentheoretiker, es existiere ein von der Natur vorgeschriebener „Rassenkampf“, aus dem sich der Auf- und Abstiegsprozess der Völker ableiten lasse31, in eine okkulte Weltanschauung zu integrieren. Blavatsky dehnte den „Rasse“-Begriff dabei übermäßig aus und es gelang Steiner nicht, ihrer Überdehnung des Begriffs eine in sich schlüssige Konzeption entgegenzusetzen.
1Diese Angaben beruhen auf: Übersichtsbände zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe. Zweiter Band. Sach- und Namensregister der Inhaltsangaben. Alphabetisches Verzeichnis von mehr als 35000 Begriffen. Sachwörtern, Personennamen, Verweise usw. aus den Inhaltangaben von 290 Bänden der Rudolf Steiner Gesamtausgabe, erstellt von Emil Mötteli, Dornach 1980, S. 17f.
2 Auch diese Angaben beruhen auf dem oben genannten zweiten Übersichtsband.
3 Siehe Abschnitt 2.2. Allein in “vom Leben des Menschen und der Erde“ griff Steiner Überlegungen der Frühphase wieder auf und modifizierte sie.
4 Dies gilt bis auf eine Ausnahme: “Das Geistige bereitet sich zum ersten Mal vor, rassenbildend zu werden“ (Steiner, Esoterische Bertachtungen, S. 141) widerspricht der dritten Ableitungsweise von “Rassen“ (vgl. Abschnitt 2.3.3).
5 Steiner, Die Welträtsel, S. 132.
6 Abschnitt 1.3.1 bis 1.3.4.
7 Vgl. Steiner, Die Welträtsel, S. 133.
8 Vgl. ebd. S. 132f.
9 So bezeichnet in: Steiner, Mission einzelner Volkseelen, S. 104. Emil Mötteli verwendet im zweiten Band der Übersichtsbände den Terminus “Hauptrassen“ (S.17), der hingegen von Adolf Baumann (Wörterbuch der Anthroposophie, S. 122 und 284) mit “Wurzelrassen“ gleichgesetzt wird.
10 Vgl. Steiner, Mission einzelner Volkseelen, S.104ff.
11 Vgl. ebd. S. 109 sowie Steiner, Vom Leben des Menschen, S. 53 und den zweiten Übersichtsband S.17 und 75.
12 Vgl. Geiss, Geschichte des Rassismus, S. 143f.
13 Siehe unten.
14 Helena P. Blavatsky, Die Geheimlehre. Die Vereinigung von Wissenschaft, Religion und Philosophie. Aus dem Englischen der dritten Auflage übersetzt von Robert Froebe. Band 2, Leipzig 1901, S. 452.
15 Ebd. S. 91.
16 Ebd. S. 142.
17 Ebd. S. 143.
18 Ebd. S. 275.
19 Ebd. S. 452.
20 Vgl. Gutenberger/ Schweidlenka, Mutter Erde, S. 138f. .
21 Vgl. Steiner, Grundelemente der Esoterik, S.191ff. und ders., Apokalypse des Johannes, S. 201f. .
22 Vgl. Steiner, Akasha- Chronik, S. 34ff. und Ders., Grundelemente der Esoterik, S. 190ff.
23 Steiner, Grundelemente der Esoterik, S.153. Vgl. Abschnitt 2.2.
24 Siehe Abschnitt 1.3.4.
25 Steiner, Tempellegenden, S. 175.
26 Ders., Welt, Erde und Mensch, S. 183.
27 Ebd.
28 Dies gilt insbesondere für die “Unterrassen“ der fünften “Wurzelrasse“. Steiner behauptete keineswegs, dass Griechen und Römer von den Persern abstammten oder letztere von Ägyptern und Hebräern. Er sprach in seinen späteren Schriften zumeist von “Kulturepochen“. (Vgl. Steiner, Apokalypse des Johannes, s. 208).
Wolfgang Weirauch (über die Menschenrassen, S. 64) legt nahe, dass Steiner wenn er “Rasse“ sagte, in erster Linie den physischen Leib des Menschen meinte. Dies ist falsch, weil sowohl Steiner als auch seine Anhänger (vgl. Abschnitt 3) den angeblichen “geistigen“ Aspekt der “Rasse“ in den Vordergrund stellten.
29 Vgl. Steiner, Die Welträtsel, S. 146-150.
30 Siehe Abschnitt 2.3.1.2.
31 Vgl. Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. I. Antisemitismus, II. Imperialismus, III. Totale Herrschaft, München 1991, S. 268f.
