Woher kommen die Impfgegner im deutschsprachigen Raum? Eine große Gruppe, die besonders im Südwesten Deutschlands einflussreich sind, sind die Anthroposophen. In dieser Artikelserie wird nach dem Vorbild eines Fortsetzungsromans täglich ein weiterer Einblick in das irrationale Denken der Anthroposophie gegeben. Als Beispiel dient die Rassentheorie Rudolf Steiners.
Der Gesamttext erschien 2012 unter dem folgenden Titel: Heiko Seiffert (2012): Rassistische Elemente in der Anthroposophie (1904 bis 1953). Shaker Verlag, 14,90 €.
2.4 Anthroposophie und Rassismus
Obwohl beide „Rassen“- Hierarchien nicht kongruent sind (in der ersten sind die Malayen die dritthöchste „Rasse“, in der zweiten bilden sie gemeinsam mit den Indianern als „absterbende Rassen“ das untere Ende der Stufenfolge), machen sie dennoch deutlich, dass Steiner sich keineswegs widersprach, als er sowohl von einer „einheitlichen Natur und Wesenheit“ der Menschheit , als auch von der weißen „eigentlichen Kulturrasse“ sprach und dass Steiners „zweifelhafte Äußerungen“ nicht einem rassistische Ressentiment Ausdruck verliehen, das seiner ansonsten eindeutigen „antirassistische(n) Position“ (Arfst Wagner) widersprach.
Vielmehr leitete Steiner die von ihm postulierte Verschiedenwertigkeit der „Rassen“ in seiner Theorie der Genese der „Rasse“ und durch die von ihm vorgenommenen Merkmalszuschreibungen theoretisch her und entwarf das Bild eines in hierarchisch geordnete „Rassen“ untergliederten >Organismus Menschheit<, so dass festgestellt werden muss, dass Steiner in der Tat die Existenz biologisch konstanter, unveränderbarer „Rassen“ mit unterschiedlichen geistigen und (wenn auch nur sehr schwach angedeuteten) moralischen Wertigkeiten behauptete und dies theoretisch zu fundieren suchte.
Der Steinersche Rassismus muss außerdem als Komponente der Anthroposophie angesehen werden, da die Steinersche Rassentheorie einen Bestandteil seiner Anthropogenese bildete, die die menschliche Phylogenese als hierarchisch strukturierten Prozess auffasste, der von Geistern verschiedener Entwicklungsstufen wurde und dem die ständige Gefahr, zu scheitern und daraufhin als „degenerierte“ Wesenheiten in der Entwicklung zurückzubleiben, immanent war. In diesem Prozess bildete die Genese „degenerierte(r) Rassen“ nur einen Spezialfall des allgemeinen Entwicklungsgesetzes.
Die Anthroposophie wies zu Beginn also sehr wohl eine rassistische Komponente auf. Da aber die „Rassenfrage“ im Steinerschen Werk quantitativ kaum ins Gewicht fiel und sich Steiner in erster Linie in der frühen Zeit seines Schaffens mit ihr befasste, muss nun geprüft werden, ob diese in Steiners Werk erkennbare rassistische Komponente Eingang in den Fundus anthroposophischer Weltsicht gefunden hat, oder als unbedeutendes Intermezzo angesehen werden muss, das mit der Gründung der „Anthroposophischen Gesellschaft“ seinen Abschluss fand.1
1 Steiners rassentheoretische Überlegungen datieren in erster Linie auf den Zeitraum zwischen 1904 und 1912. Die „Anthroposophische Gesellschaft „ wurde 1913 gegründet. (Siehe Abschnitt 1.1. und 3., Anmerkungen 1 bis 3)
