Fällt der Markt wegen der Situation in der Ukraine oder wegen der Zinsen?

Zum Glück haben sich – zumindest kurzfristig betrachtet – die Prognosen aus meinem Beitrag vom 26.2.2022 als nicht akkurat erwiesen.

Trotz der positiver Weise einigermaßen entschlossenen Reaktion des Westens bleibt die Lage allerdings dramatisch und man sollte sich über die russische Überlegenheit und Brutalität keinerlei Täuschungen hingeben.

Dennoch ist der Fokus dieses Blogs ein gänzlich anderer.

Ich vertrete die Auffassung, dass die Märkte – und besonders die Zinsmärkte – einen Grad der Informiertheit widerspiegeln, der die Möglichkeiten eines auf „normale“ Nachrichtenquellen angewiesenen Menschen bei weitem übersteigt.

Allerdings verhalten sich diese Märkte, was ihre Beurteilungsmaßstäbe angeht, so ähnlich wie ein Psychopath, der keine Lust auf’s Morden hat. Mit Moral oder so einen Schnickschnack hat ein solcher trotz des indirekten Einflusses der Nachrichten aus Osteuropa rein gar nichts am Hut.

Die aufgeworfene Frage lautet: „Fällt der Markt wegen der Situation in der Ukraine oder wegen der Zinsen?“

Meine These ist: ein nicht allzu großer Teil der Marktteilnehmer ist tatsächlich nachrichtengetrieben und versucht zu antizipieren, was andere relevante Player wohl vorhaben könnten. Von daher fällt der Markt im Augenblick tatsächlich auch aufgrund von Befürchtungen im Zusammenhang mit der Ukraine-Krise.

Auf der anderen Seite nutzen einige real big player die Gelegenheit, abzuladen. Der Markt preist auf einer anderen Ebene nämlich die Wahrscheinlichkeit von kommenden Zinsschritte der US-amerikanischen Federal Reserve (FED) ein. Diese haben sich durch die Ukraine-Situation verändert: https://www.cmegroup.com/trading/interest-rates/countdown-to-fomc.html#

Vor einem Monat – am 1. Februar 2022 – Noch vor einer Woche – am 22.2.2022 – wurde die Wahrscheinlichkeit einer Leitzinserhöhung auf 2 bis 2,25% bis Dezember 2022 auf 18% geschätzt. Heute (am 1.3.) liegt die Schätzung bei 0%. Also müssten die Kurse doch eigentlich steigen, oder etwa nicht?

Viel wichtiger aber sind die folgenden Daten: Vor noch einer Woche erwarteten 45,5% aller Marktteilnehmer eine Zinserhöhung bis Dezember 2022 auf mindestens 1,75%. Heute ist der Anteil der Markteilnehmer mit einer solchen Erwartung auf 95,5% gestiegen. Höhere Leitzinsen führen zu höheren Kapitalkosten für die Unternehmen. Diese wiederum zeitigen als indirekte Folge, dass Aktienrückkaufprogramme reduziert werden und die Gewinnerwartung sinkt. Diese zukünftig sinkende Gewinnerwartung wird eingepreist, die Kurse fallen vor allem bei solchen Unternehmen, die geringes Eigenkapital und hohe Schulden, die zeitnah refinanziert werden müssen aufweisen.

Hinterlasse einen Kommentar