Das Videoportal der Schweizer Weltwoche titelt: “USA sprengen Nordstream-Pipeline. Helfer Norwegen”.
Doch ist diese Feststellung gesichert? Die aktuelle Berichterstattung stützt sich auf einen Beitrag des Journalisten und Pulitzer-Preisträgers Seymour Hersh, der in seinem Artikel „How America Took Out the Nord Stream“ darlegt, wie die USA versucht haben, die geplante Ostseepipeline Nord Stream 1 & 2 zu sabotieren und zu zerstören. Er behauptet, dass die US-Regierung über einige der Aktionen informiert war, dies aber nie offiziell zugegeben hat. Daraus folgert er, dass kein Interesse an der Aufklärung der Anschläge auf Nord Stream 1 & 2 bestehe.
Ist diese Darstellung glaubhaft? Das deutsche Portal “Finanzmarktwelt” hat eine Reihe von Ungereimtheiten zusammengetragen, die gegen die Richtigkeit der Recherchen von Seymour Hersh sprechen.
Erstens, so das Finanzportal, behaupte der Autor, dass Jens Stotenberg, heute NATO-Oberbefehlshaber, seit dem Vietnamkrieg eng mit den US-Geheimdiensten zusammengearbeitet habe. Finanzmarktwelt rechnet nach und stellt fest: Jens Stoltenberg war am Ende des Vietnamkrieges 14 Jahre alt. Das dürfte rein rechnerisch etwas ungenau sein.
Zweitens spricht Hersh von Tauchern, die von einem Minensucher der Alta-Klasse aus operiert hätten. Am Manöver BALTOPS 22 war jedoch, so das Portal, kein Boot der Alta-Klasse beteiligt oder auch nur in der Nähe, wie die Aufzeichnungen der Schiffsbewegungen belegen. Die mit der Alta-Klasse praktisch baugleiche M343 Hinnoy befand sich zwar in der Nähe, machte aber nirgendwo so lange Halt, dass Taucher hätten abgesetzt werden können.
Drittens: Seymour Hersh schreibt, dass am 26. September 2022 ein norwegisches Marine P-8 Poseidon Überwachungsflugzeug einen scheinbaren Routineflug durchführte und eine Sonarboje absetzte. Die norwegische Luftwaffe verfüge zwar laut Finanzmarktwelt über fünf P-8 Poseidon, diese seien aber zu diesem Zeitpunkt nicht im Einsatz gewesen, sondern hätten sich in der Testphase befunden. Laut Transpondersignalen befand sich keine P-8 der norwegischen Marine in der Region. Dagegen erreichte eine amerikanische P-8 Poseidon das Gebiet etwa 90 Minuten nach der Detonation.
Darüber hinaus behauptet Hersh, dass Taucher mit einer Mischung aus Sauerstoff, Stickstoff und Helium, die aus ihren Tanks strömte, abtauchten und C4-Ladungen in Form von Pflanzen an den vier Rohren mit Betonschutzabdeckungen anbrachten.
Die „Finanzmarktwelt“ kritisiert an dieser Argumentation, dass dieses Vorgehen nicht den militärtechnischen Erkenntnissen entspreche. Zunächst wurden nur an drei Pipelines Sprengladungen angebracht. An der vierten Pipeline – Nordstream 1 und 2 bestehen jeweils aus zwei Strängen – wurde kein einziger Sprengsatz gefunden.
Im Gespräch mit Prof. Christian Rieck von der Frankfurt University of Applied Sciences schildert der Wehrtechnik-Experte Thorsten Pörschmann die Situation vor Ort und die Schlussfolgerungen, die er daraus zieht.
Es wurden jeweils zwei Sprengladungen installiert, insgesamt sechs. Als Sprengmittel kommen laut Pörschmann Grundminen in Frage.
Es sei unrealistisch, dass Grundminen von Tauchern von oben abgeseilt und dann von Tauchern ausgelegt würden. Viel plausibler erscheint ein U-Boot, das die Grundmine dorthin bringt.
Am gravierendsten erscheint jedoch die Tatsache, dass die Recherchen von Seymour Hersh auf einer einzigen Quelle beruhen, wie die “Finanzmarktwelt” feststellt.
Eine einzige Quelle! Das ist für eine Behauptung dieser Tragweite ein absoluter Witz.
Ganz abgesehen davon, dass nicht auszuschließen ist, dass diese einzige Quelle von einem den USA feindlich gesinnten Geheimdienst umgedreht wurde, um eine solche Story zu lancieren.
Um nicht missverstanden zu werden: Ich halte die US-Demokraten für Kriegstreiber und die CIA ist sicher kein Nonnenkloster.
Aber es kommt darauf an, entsprechende Beweise vorzulegen oder reine Vermutungen auch als solche zu kennzeichnen!
Angesichts der fehlenden Beweise und der kritischen Stimmen bleibt die Frage offen: Haben die USA wirklich die Nordstream-Pipeline gesprengt? Wenn wir ehrlich sind, wissen wir vor allem, dass wir im Prinzip nichts wissen.
Quellen:
https://seymourhersh.substack.com/p/how-america-took-out-the-nord-stream
Nach Veröffentlichung dieses Beitrages erschienen: https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/seymour-hersh-im-interview-joe-biden-sprengte-nord-stream-weil-er-deutschland-nicht-traut-li.317700
