Um zu einem besseren Verständnis und zur Vermeidung unnachgiebiger Konflikte beizutragen, ist es entscheidend, die polemischen und antagonistischen Rahmungen zu erkennen und zu hinterfragen, die von Extremisten und Fanatikern, aber auch von Politikern, Medien und in vielen anderen Bereichen verwendet werden, um unser Denken und Handeln zu beeinflussen.
Regelmäßige Leserinnen und Leser meines Blogs dürften inzwischen bemerkt haben, dass ich Kevin Dutton, ehemals Forschungspsychologe an der Universität Oxford, sehr schätze. Auch die Tatsache, dass ich sein Buch “Black.White.Thinking” (Schwarz.Weiß.Denken) derzeit wieder und wieder lese, dürfte sich in den von mir veröffentlichten Inhalten dezent niederschlagen.
An einer Stelle in seinem Buch ist von „super-framings“ oder „supersuasion“ die Rede (was mit „super-überzeugende Aussagen, die sich ihren Weg durch unser Unterbewusstsein bahnen“ übersetzt werden könnte).
Dutton beschreibt ein vom britischen Inlandsgeheimdienst MI5 zu Trainingszwecken simuliertes Verhör eines (gespielten) mutmaßlichen IS-Mitglieds.
Dutton nutzt diese Szene, um die Eigenschaften polemischer, antagonistischer Rahmungen herauszuarbeiten und zu zeigen, wie widersprüchliche und konkurrierende Denkweisen zu gegenseitigem Unverständnis und anhaltender Unnachgiebigkeit führen können.
Nicht nur im Bereich extremistischer Propaganda, sondern auch bei der Eskalation diplomatischer Krisen zu militärischen Konflikten, in der Migrationspolitik oder in der Auseinandersetzung um die Legitimität von Corona-Maßnahmen finden sich Beispiele für solche Supersuasionen.
Die von Dutton analysierte Aussage war mitnichten ausgedacht. Sie wurde zwar von einem Schauspieler zu Trainingszwecken vorgetragen, stammten aber aus einem Protokoll über die Befragen eines realen IS-Unterstützers.
Sie lautete (in Auszügen): “Ihr habt keine Ahnung über Leute wie Abu Hamza al-Masri. Ihr denkt, er sei ein Verrückter. Ein Mörder. Ein Krimineller. Das ist er nicht. Er ist ein Mann Gottes. (…) Ihr verurteilt Selbstmordattentäter als böse und psychotisch, als Menschen, die einer Gehirnwäsche unterzogen werden … doch gleichzeitig überschüttet ihr britische Soldaten im Irak und in Afghanistan mit Lob, die unschuldige Muslime töten und Frauen und Kinder bombardieren” (Dutton, Schwarz.Weiss.Denken, DTV 2020, Seite 237).
Dutton arbeitet heraus, dass in den protokollierten Aussagen des IS-Unterstützers die Wörter “unser” systematisch mit “Gott”, “Krieger” und “gut” kombiniert werden. Das Wort “euer” hingegen wird mit “böse” assoziiert.
Dutton spricht von einer hochexplosiven Mischung aus pechschwarzen und reinweißen Frames. Sie verbinden, so Dutton, die Themen Kampf (Angriff) und moralische Tugend (Flucht) und ein Gefühl der Kameradschaft (wir) gegenüber einem äußeren Feind.
Dutton weist darauf hin, dass diese Art des Framings, die alle Elemente miteinander verbindet, die zur Entstehung von Gruppendenken führen (wir – die anderen, Angriff – Flucht, gut – böse), nicht nur von politischen Extremisten und religiösen Fanatikern verwendet wird, sondern auch von Politikern, Anwälten, in der Werbung, in den Medien und von Kindern, die ihre Eltern oder Lehrer um den Finger wickeln wollen.
Und wenn Sie Ihre Umgebung aufmerksam wahrnehmen und genau hinhören, werden Sie feststellen: Es ist unglaublich, wie oft wir in fast allen Lebensbereichen immer wieder auf diese Art des Framings stoßen.
