Wenn die Linke noch marxistisch wäre, was sie nicht ist, würde sie sich intensiv mit dem Thema „Künstliche Intelligenz“ beschäftigen. Im Vordergrund stünde die Theorie der Produktivkraftentwicklung.
Dass die Linke Marx kennt, ist leider nicht mehr der Fall.
Wenn ich Marxist wäre, was ich nicht mehr bin, würde mich die derzeitige Theorie-Armut der Linken massiv stören.
Aber ich bin ein hilfsbereiter Mensch. Deshalb versuche ich hier, eine marxistische Position aufzubauen. Und das, obwohl ich wirklich schon sehr, sehr lange kein Marxist mehr bin (man muss alles selbst machen, die Linke ist wirklich auf den Hund gekommen). Fangen wir mit der KI an.
Bauckhage-Interview
KI-Forscher wie Christian Bauckhage prognostizieren in einem Interview mit der WELT eine Revolution durch die rasante Weiterentwicklung von KI-Technologien in den nächsten fünf Jahren, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen wird.
Unternehmen wie Google, Nvidia, Baidu (China!) und Apple investieren massiv in KI-Technologie, um von diesem disruptiven Wandel zu profitieren.
Bauckhage sieht das Konzept der Singularität und des Bewusstseins in Maschinen kritisch, merkt aber an, dass er diese Entwicklung für unausweichlich hält. Was kommen wird, ist Selbstinstruktion. Und es ist unwahrscheinlich, dass der Mensch diesen Prozess kontrollieren kann.
Bevor wir uns der Frage zuwenden, wie KI die Entwicklung der Produktivkräfte beeinflussen könnte, müssen wir zunächst definieren, worum es bei der Entwicklung der Produktivkräfte geht.
Produktivkräfte bei Marx
Marx argumentiert, dass das Zusammenspiel von Produktionsweise, Produktivkräften und Überbau eine zentrale Rolle in der gesellschaftlichen Entwicklung spielt.
Die Produktionsweise bezieht sich auf die Art und Weise, wie die Produktion von Gütern und Dienstleistungen organisiert und durchgeführt wird. Sie umfasst die Eigentumsverhältnisse, die Arbeitsbeziehungen und die Technologien, die eingesetzt werden, um Güter zu produzieren und Dienstleistungen zu erbringen.
Produktivkräfte beziehen sich auf die materiellen Ressourcen, die zur Produktion von Gütern und Dienstleistungen eingesetzt werden, sowie auf die an der Produktion beteiligten Arbeitskräfte. Sie umfassen sowohl die Technologie als auch die menschlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten, die für die Produktion erforderlich sind.
Der Überbau bezieht sich auf die politischen, rechtlichen und kulturellen Institutionen einer Gesellschaft. Er umfasst die Regierung, das Rechtssystem, die Bildungseinrichtungen, die Medien und andere soziale Institutionen, die das Leben der Menschen beeinflussen.
Marx argumentierte, dass die Produktionsweise die Grundlage für die Entwicklung der Gesellschaft bildet und dass Veränderungen in der Produktionsweise Veränderungen im Überbau und in den Produktivkräften nach sich ziehen. Wenn eine neue Produktionsweise entsteht, entstehen auch neue Produktivkräfte und ein neuer Überbau, der die neuen Produktionsverhältnisse widerspiegelt.
Marx sagt auch, dass der Überbau den Interessen der herrschenden Klasse entspricht und dass Veränderungen in der Produktionsweise notwendigerweise den Überbau und die herrschende Klasse herausfordern. Beispielsweise könnten technologische Fortschritte und Automatisierung zum Verlust von Arbeitsplätzen und zur Stärkung der Macht der Arbeiterklasse führen, was wiederum Veränderungen im Überbau und in der herrschenden Klasse nach sich ziehen könnte.
Insgesamt argumentiert Marx, dass das Zusammenspiel von Produktionsweise, Produktivkräften und Überbau die treibende Kraft der Geschichte ist und dass die Veränderung der Produktionsweise die Grundlage für die Veränderung der gesamten Gesellschaft bildet.
Gut, lassen wir den ganzen Kram mit herrschender Klasse, Arbeiterklasse und Sozialismus weg.
Was dann noch übrig bleibt, ist in sich ganz vernünftig: Die technologische Entwicklung und die Art und Weise, wie wir wirtschaften, haben einen immensen Einfluss darauf, wie wir leben, wie wir fühlen und wie wir denken. Also genau umgekehrt, wie der deutsche Michel immer denkt.
KI und Produktivkräfte
Aber wie passt KI da rein?
Formulieren wir es zunächst einmal ganz naiv: Künstliche Intelligenz (KI) hat in den letzten Jahren eine immer wichtigere Rolle in der Produktivkraftentwicklung eingenommen. Durch den Einsatz von maschinellem Lernen und Datenanalyse können KI-Systeme komplexe Aufgaben automatisieren und effizienter gestalten. Dies hat Auswirkungen auf die Produktion, den Handel und den Dienstleistungssektor, da viele Aufgaben, die bisher von Menschen ausgeführt wurden, nun von Maschinen übernommen werden können.
In der Produktion kann KI helfen, Prozesse zu automatisieren und zu optimieren, was zu höherer Effizienz und Produktivität führt. KI kann auch bei der Überwachung und Wartung von Anlagen und Maschinen helfen, indem sie vorbeugende Wartungsmaßnahmen durchführt und so Ausfallzeiten reduziert.
Na ja, das ist vielleicht ein bisschen affirmativ formuliert. Lassen wir es trotzdem so stehen. Wir können die Argumentation wie folgt zu Ende führen: Der disruptive Wandel im Bereich der KI stellt einen Quantensprung in der Entwicklung der Produktivkräfte dar. Es ist sehr wahrscheinlich, dass diese Entwicklung auch gravierende Auswirkungen auf die Produktionsweise und den Überbau (unser politisches System, unsere Ideologie, unser ganzes Denken und Fühlen) haben wird. Alles andere ist mehr als unwahrscheinlich.
„Self-instruct“ KI-Systeme
Nun müssen wir noch den Punkt hinzufügen, auf den Bauckhage hinweist und der einem Elon Musk die Haare zu Berge stehen lässt: KI-Systeme, die selbsttätig neue KI-Systeme programmieren und dafür sorgen, dass diese neu generierten KI-Systeme ihren eigenen Lernprozess organisieren und vorantreiben.
Wenn Künstliche Intelligenzen (KI) beginnen würden, neue KI-Systeme zu programmieren, die in der Lage sind, selbstständig zu lernen, wäre dies ein großer Schritt in der Entwicklung der KI-Technologie. Solche Systeme werden als „selbstlernende KI“ oder „autonome KI“ bezeichnet und haben das Potenzial, unsere Gesellschaft grundlegend zu verändern.
Die Entwicklung autonomer KI-Systeme könnte zu einem exponentiellen Anstieg der KI-Fähigkeiten führen. Autonome KI-Systeme könnten in der Lage sein, sich selbst zu verbessern und ihr Wissen ohne menschliches Zutun ständig zu erweitern.
Und Brauckhage weist darauf hin, dass genau dieser Prozess gerade startet.
Rückkopplungen auf den Überbau
Die Geschwindigkeit, mit der ein solcher Prozess voranschreiten könnte, würde sich höchstwahrscheinlich jeder Kontrolle entziehen. Man sollte sich auch vor Augen halten, dass es wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit ist, bis KI in nennenswertem Umfang militärisch eingesetzt wird.
Und machen wir uns nichts vor: Hier haben wir das nächste Feld des Wettrüstens vor uns.
Die Produktionsweise könnte sich dahingehend verändern, dass immer mehr Bereiche der Wirtschaft von KI und Robotern übernommen werden. Auf der Ebene des Überbaus könnte der Effekt eintreten, dass politische Eliten in ein Konkurrenzverhältnis (wenn nicht gar in ein Unterordnungsverhältnis) zu künstlichen Intelligenzen geraten.
Ich wünsche allen viel Spaß und empfehle, sich mit dem Thema Bedingungsloses Grundeinkommen zeitnah und intensiv zu beschäftigen. Ich wage die Prognose, dass dieses Thema in naher Zukunft ganz oben auf der Agenda stehen wird.
Quellen:
