Kissinger: Kriegstreiber oder Pragmatiker?
Europa in der Pflicht und warum die Aufnahme der Ukraine in die NATO sicherer sein könnte
Die Berliner Zeitung berichtet in ihrer aktuellen Ausgabe über ein Interview des Economist mit dem ehemaligen US-Außenminister Henry Kissinger.
Als einer der führenden geopolitischen Denker der USA war und ist Kissinger eine einflussreiche Stimme in der politischen Arena. Im Interview äußert er sich zu verschiedenen Aspekten des Ukraine-Konflikts und präsentiert aus europäischer Sicht bemerkenswerte Ansichten.
Zum einen spricht sich Kissinger dafür aus, die Krim notfalls den Russen zu überlassen. Diese Haltung mag auf den ersten Blick überraschen, zumal Kissinger den Republikanern nahesteht, die traditionell eine härtere Linie gegenüber Russland fahren. Doch Kissinger folgt hier wohl seiner Interpretation der geopolitischen Lage und erkennt, dass die Krim für Russland von großer strategischer Bedeutung ist. Der Pragmatismus von Kissingers Sichtweise ist in gewisser Weise bemerkenswert, da er die Notwendigkeit eines Kompromisses betont.
Andererseits betont Kissinger aber auch die außerordentliche Bedeutung der Aufnahme der Ukraine in die NATO nach dem Krieg. Hier kommt – so eine mögliche Interpretation – seine langjährige Erfahrung als Außenminister zum Tragen, denn er erkennt die Bedeutung einer stabilen und sicheren Ukraine für die Sicherheit Europas. Die europäische Haltung, die Ukraine zu bewaffnen, aber nicht in die NATO aufzunehmen, hält er für gefährlich.
Interessant ist, dass Kissinger voraussagt, dass das Ende des Krieges ein Ergebnis bringen wird, mit dem weder die Russen noch die Ukrainer zufrieden sein werden. Diese Erkenntnis hat er bereits in der Vergangenheit geäußert. Einen guten Kompromiss erkennt man seiner Meinung nach daran, dass am Ende alle Beteiligten mehr oder weniger unzufrieden sind. Dies mag auf den ersten Blick paradox erscheinen, spiegelt aber die Schwierigkeit des Konflikts.
Meiner Meinung nach ist es wichtig anzuerkennen, dass jeder Krieg letztendlich durch Verhandlungen oder durch die vollständige Kapitulation einer Seite beendet wird. Eine Eskalation, die nukleare Risiken mit sich bringen könnte, ist zweifellos etwas, das vermieden werden sollte. Deshalb sollten wir eine Verhandlungslösung für den Krieg in der Ukraine vernünftig antizipieren und uns darauf vorbereiten.
Dabei sollten die Sicherheitsinteressen Europas und der Ukraine im Vordergrund stehen. Europa muss sich bewusst sein, dass die Stabilität der Ukraine für seine eigene Sicherheit von entscheidender Bedeutung ist. Die Aufnahme der Ukraine in die NATO wäre ein starkes Signal und würde die Verteidigungsfähigkeit Europas stärken. Durch eine engere Zusammenarbeit und die Integration der Ukraine in das westliche Sicherheitssystem können wir die Sicherheit in der gesamten Region gewährleisten und potenzielle Aggressionen eindämmen.
Aber es ist auch wichtig, die Interessen Russlands zu berücksichtigen. Wie Kissinger betont, sollten wir uns nicht der Illusion hingeben, dass Russland die Annexion der Krim rückgängig machen wird. Ein pragmatischer Ansatz wäre daher, Russland eine gewisse Kontrolle über die Krim zu ermöglichen und gleichzeitig die territoriale Integrität der Ukraine zu respektieren.
Die Verhandlungen sollten auf der Grundlage eines umfassenden Kompromisses geführt werden, der die Sicherheitsinteressen sowohl der Ukraine als auch Russlands berücksichtigt. Dazu könnten der Abzug der russischen Truppen aus der Ukraine, eine internationale Überwachung der Grenzen und eine Garantie für die politische Autonomie der östlichen Regionen gehören. Gleichzeitig sollten wir die Souveränität der Ukraine respektieren und sicherstellen, dass das Land die Möglichkeit hat, seinen eigenen Weg zu wählen.
In einem Konflikt wie dem Krieg in der Ukraine ist es leicht, emotional zu reagieren und nach Vergeltung oder ultimativen Lösungen zu rufen. Eine realpolitische Perspektive erfordert jedoch, dass wir uns auf langfristige Stabilität und Sicherheit konzentrieren. Eine Verhandlungslösung, die sowohl die Interessen Russlands als auch der Ukraine berücksichtigt und die europäische Sicherheitsarchitektur stärkt, ist der beste Weg zu einem dauerhaften Frieden in der Region.
Es liegt in der Verantwortung Europas, eine aktive Rolle bei der Förderung einer Verhandlungslösung für den Krieg in der Ukraine zu spielen. Wir sollten uns nicht auf militärische Unterstützung für die Ukraine beschränken, sondern auch diplomatische Kanäle nutzen, um zu einer umfassenden politischen Lösung beizutragen. Die Einbindung internationaler Partner und Organisationen wie der Vereinten Nationen, der OSZE und anderer regionaler Akteure ist von entscheidender Bedeutung, um die Verhandlungen voranzubringen und ein Ergebnis zu erzielen, das Frieden und Stabilität in der Ukraine und der gesamten Region sichert.
Der Krieg in der Ukraine hat bereits viel Leid und Zerstörung verursacht. Um weiteres Blutvergießen und eine weitere Eskalation zu verhindern, müssen wir auf einen Kompromiss hinarbeiten, der die Sicherheitsinteressen aller Beteiligten berücksichtigt. Europa sollte die Chance nutzen, eine führende Rolle bei der Förderung einer Verhandlungslösung zu übernehmen und so Frieden und Stabilität in der Ukraine zu unterstützen.
Aus dem Economist-Interview geht auch hervor, dass Kissinger glaubt, dass die USA und China ihre Beziehungen verbessern müssen, um einen globalen Konflikt zu vermeiden. Kissinger äußerte auch Zweifel an den Beziehungen zwischen China und Russland und glaubt, dass Japan in fünf Jahren ein Atomwaffenstaat sein wird. Kissinger äußerte sich auch zur innenpolitischen Polarisierung in Amerika und zur mangelnden Attraktivität von Donald Trump und Joe Biden. Schließlich lobte er die Außenpolitik Indiens und die Notwendigkeit engerer Beziehungen zwischen Amerika und Indien.
Die Frage von Krieg und Frieden, die Frage der Verhinderung eines Dritten Weltkrieges, bezieht sich also nicht nur auf den Krieg in der Ukraine.
