Eine Betrachtung internationaler Analysen
Der Nahe Osten befindet sich erneut in einer gefährlichen Eskalation der Gewalt, nachdem der Iran etwa 180 ballistische Raketen auf Israel abgefeuert hat. Diese dramatische Entwicklung unterstreicht die komplexe Dynamik zwischen dem Iran, Israel und deren regionalen Verbündeten, wobei die Spannungen sich auf den gesamten Nahen Osten ausweiten könnten. Der Angriff wirft erhebliche Fragen über die langfristigen Konsequenzen für den Iran, Israel und die gesamte Region auf.
Eskalation der Gewalt: Iranischer Raketenangriff auf Israel
Am 1. Oktober 2024 feuerte der Iran etwa 180 ballistische Raketen auf Israel ab, was als die bislang schwerwiegendste militärische Auseinandersetzung zwischen den beiden Nationen gilt. Shahram Akbarzadeh, Nahost-Experte der Asia Times, stellt fest, dass der Iran bei diesem Angriff das größte Risiko eingeht, da direkte militärische Konfrontationen bisher vermieden wurden, um die iranische Stellung in der Region nicht zu gefährden. Die meisten Raketen wurden durch das israelische Raketenabwehrsystem abgefangen, das auch von den USA unterstützt wurde, doch der Angriff markierte eine deutliche Eskalation im jahrzehntelangen Konflikt.
Der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu reagierte unverzüglich mit der Ankündigung einer harten Vergeltung. Auch die USA haben ihre Unterstützung signalisiert und mögliche Gegenmaßnahmen gegen den Iran angekündigt. Laut Patrick Tucker von „Defense One“ setzt diese Reaktion die iranische Führung unter Druck, die bisher darauf vertraut hat, Stellvertretergruppen wie die Hisbollah oder die Hamas für Angriffe auf Israel einzusetzen. Die Entscheidung, nun direkt militärisch zu intervenieren, zeigt eine neue Aggressivität in der iranischen Außenpolitik.
Israelische Reaktionen und amerikanische Unterstützung
Israel reagierte zunächst mit begrenzten Bodenoffensiven gegen die Hisbollah im Libanon und bereitete sich auf weitere Vergeltungsmaßnahmen vor. Es wird erwartet, dass Israel gezielt iranische und mit dem Iran verbündete Kräfte in der Region angreifen wird, um seine nationale Sicherheit zu gewährleisten. Die USA haben als Reaktion auf den Raketenangriff zusätzliche Kampfjets und Zerstörer in den Nahen Osten verlegt, um sowohl Israel zu unterstützen als auch ihre eigenen militärischen Interessen zu schützen.
Virginia Pietromarchi von „Al Jazeera“ behauptet, dass die Eskalation zwischen Israel und dem Iran nicht isoliert betrachtet werden kann, sondern als Teil eines umfassenderen regionalen Konflikts zu verstehen ist, bei dem sowohl die Hamas im Gazastreifen als auch die Hisbollah im Libanon eine entscheidende Rolle spielen. Insbesondere nach dem Tod von Hassan Nasrallah, dem Führer der Hisbollah, in einem israelischen Luftangriff sind die Kämpfe zwischen der Hisbollah und israelischen Truppen intensiver geworden.
Der Iran: Ein riskanter Balanceakt
Für den Iran ist der Konflikt mit Israel von zentraler Bedeutung für die eigene Staatsideologie. Wie Akbarzadeh in der Asia Times betont, basiert das iranische Selbstverständnis auf der Ablehnung der USA und Israels sowie der Unterstützung der palästinensischen Sache. In den letzten Jahren habe der Iran jedoch darauf geachtet, direkte Konfrontationen mit Israel zu vermeiden, um regionale Interessen zu schützen und den wirtschaftlichen Druck nicht zu verschärfen. Die Entscheidung, nun direkt militärisch aktiv zu werden, könnte jedoch nicht nur die regionale Stabilität gefährden, sondern auch die innenpolitische Lage im Iran destabilisieren.
Patrick Tucker merkt auf der Platform „Defense One“ an, dass der Iran weiterhin unter den Folgen der landesweiten Proteste leidet, die durch den Tod von Mahsa Amini ausgelöst wurden. Tucker erläutert, dass sich der iranische Präsident Masoud Pezeshkian in einer schwierigen Position befindet: Er hat sich für die Wiederbelebung des Atomabkommens eingesetzt und versucht, die Beziehungen zum Westen zu verbessern, doch die zunehmenden Spannungen in der Region untergraben seine Bemühungen. Die Revolutionsgarden (IRGC), die eine härtere Linie verfolgen, üben jedoch Druck auf die Führung aus, um eine aggressivere Haltung gegenüber Israel einzunehmen.
Die Hisbollah und der Libanon: Ein weiterer Konfliktherd
Parallel zur Eskalation zwischen Israel und dem Iran haben sich die Kämpfe zwischen der Hisbollah und israelischen Streitkräften im Süden des Libanon verschärft. Laut Pietromarchi kämpfen israelische Truppen intensiv gegen die Hisbollah, was bereits zur Vertreibung von Hunderttausenden Menschen im Libanon geführt hat. Auf israelischer Seite fliehen ebenfalls Zivilisten vor den Raketenangriffen der Hisbollah.
Die USA und Großbritannien haben sich klar gegen eine Eskalation im Libanon ausgesprochen, betonen jedoch gleichzeitig Israels Recht auf Selbstverteidigung. Der britische Premierminister Keir Starmer erklärte, dass Großbritannien fest an der Seite Israels stehe und dessen Sicherheitsbedürfnisse unterstütze.
Risiken einer regionalen Eskalation
Die Gefahr einer umfassenden regionalen Eskalation ist akut. Akbarzadeh (Asia Times) weist darauf hin, dass der Iran mit seinem Angriff nicht nur Israel, sondern auch die gesamte Stabilität im Persischen Golf gefährdet. US-amerikanische Militärbasen und Schiffe könnten bei einer Eskalation ebenfalls zu Zielen iranischer Angriffe werden, was nicht nur die Sicherheit der Region, sondern auch den globalen Handel bedroht.
Nach Einschätzung von Patrick Tucker (Defense One) besteht die Gefahr, dass der Konflikt zwischen Iran und Israel sich auf weitere Länder ausweitet und ein umfassender Krieg im Nahen Osten ausbricht. Der Iran hat bereits signalisiert, dass er auf Vergeltungsmaßnahmen Israels reagieren wird, was die Spannungen weiter verschärfen könnte. Laut Tucker könnte ein Krieg zwischen Israel und dem Iran schwerwiegende geopolitische Folgen haben und das internationale Machtgefüge im Nahen Osten dramatisch verändern.
Eskalation oder Freiheit?
Ulrich Reitz eröffnet im Focus eine interessante Perspektive, indem er fragt, ob der aktuelle Konflikt nicht eine Chance zur Befreiung bietet. Er betont, dass Israels Vorgehen möglicherweise zu einem „Neustart“ für die Region führen könnte. Statt die Eskalationsgefahren in den Vordergrund zu stellen, die aus deutscher Sicht schwer zu beeinflussen sind, schlägt Reitz vor, den Fokus auf die Freiheit als Perspektive für den Iran und die von dessen Einfluss betroffenen Nachbarstaaten zu legen. Diese Sichtweise wird auch vom Unions-Außenpolitiker Roderich Kiesewetter unterstützt, der in einem Namensbeitrag für Focus Online eine konstruktive Neuausrichtung für die gesamte Region als mögliches Ergebnis des israelischen Handelns sieht.
Schlussfolgerungen
Die gegenwärtige Eskalation im Nahen Osten könnte den gesamten regionalen und internationalen Frieden bedrohen. Während Israel und die USA ihre Vergeltungsmaßnahmen vorbereiten, riskiert der Iran durch sein aggressives Vorgehen, nicht nur seine eigenen innenpolitischen Krisen zu verschärfen, sondern auch den gesamten Persischen Golf in einen umfassenden Krieg zu ziehen. Experten wie Akbarzadeh und Tucker betonen, dass die nächsten Wochen entscheidend sein werden, um zu verhindern, dass der Konflikt außer Kontrolle gerät und die gesamte Region in den Strudel der Gewalt gerissen wird.
Der aktuelle Konflikt zwischen Israel und dem Iran, einschließlich deren Stellvertreterkräfte, muss meiner Ansicht nach im größeren geopolitischen Kontext der Rivalität zwischen den westlichen Staaten und den BRICS+/SCO-Ländern betrachtet werden. Dieser Konflikt ist Teil eines globalen Musters mehrerer gleichzeitig ausgetragener Auseinandersetzungen, die miteinander in Verbindung stehen. Dazu gehören neben Israel/Iran auch die Spannungen zwischen Russland und der Ukraine, die Situation um Taiwan und China, sowie der weniger beachtete Konflikt zwischen den Philippinen und China. Zusätzlich spielt die wachsende Rivalität zwischen der Quad-Allianz (USA, Indien, Japan, Australien) und China eine bedeutende Rolle. Insbesondere die Achse zwischen Iran, China, Russland und Nordkorea verstärkt diese multipolare Konfrontation, was zu einer umfassenderen geopolitischen Eskalation oder aber auch zu einer neuen Freiheitsperspektive für die Menschen in den vom Iran beeinflussten Gebieten führen könnte.
Quellen:
– Akbarzadeh, Shahram. „Iran hat in einem direkten Krieg mit Israel alles zu verlieren.“ *Asia Times*, 2. Oktober 2024.
– Tucker, Patrick. „US destroyers intercept Iranian missiles as Mideast crisis intensifies.“ *Defense One*, 1. Oktober 2024.
– Pietromarchi, Virginia und Speri, Alice. „Live: Hezbollah fights Israeli troops in Lebanon as Israel bombs Gaza.“ *Al Jazeera*, 1. Oktober 2024.
-Reitz. „Provokant gefragt: Stehen wir im Nahen Osten gar vor einer Befreiung“, Focus.de https://www.focus.de/politik/meinung/analyse-von-ulrich-reitz-provokant-gefragt-stehen-wir-in-nahost-gar-vor-einer-befreiung_id_260362939.html
