Die US-Präsidentschaftswahl 2024 steht kurz bevor. Und bis vor Kurzem sah die Sache – zumindest aus Sicht der meisten deutschen Medien – so aus: ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit leichtem Vorteil für Harris. Auf RealClearPolitics werden Umfragen gelistet, die immer noch ein enges Rennen zwischen Kamala Harris und Donald Trump zeigen – ein Bild, das auch in Deutschland weit verbreitet ist. Seit kurzem ist ein gewisses Umdenken im deutschen Blätterwald zu bemerken. Aus gutem Grund?
Die Situation ist im Wandel begriffen. Die Diskrepanz zwischen den öffentlichen Umfragen der vergangenen Wochen und den Vorhersagen der Finanzmärkte sowie Wettplattformen könnte zu einer erneuten Überraschung führen, ähnlich wie es bereits 2016 der Fall war.
US-Wettplattformen wie Polymarket zeichnen ein deutliches Bild: Trump liegt hier mit 64 % klar vor Harris, die lediglich auf 36 % kommt. Auch die Finanzmärkte scheinen in den vergangenen Tagen eher einen Wahlsieg Trumps einzupreisen. Der Investor Stanley Druckenmiller geht davon aus, dass ein Wahlsieg Trumps bereits in den Märkten eingepreist ist, was unter anderem am Anstieg von Bankaktien und Kryptowährungen abzulesen ist. Auch der Aktienkurs der Trump Media and Technology Group ist seit dem 24. September um schlappe 198 Prozent gestiegen. Diese Diskrepanz verdeutlicht die Schwierigkeit, den Wahlausgang vorherzusagen, da die zugrunde liegenden Dynamiken in der öffentlichen Diskussion oft vernachlässigt werden.
In Deutschland dominierte bis vor Kurzem eine eher kommentierende und weniger differenzierte Berichterstattung die öffentliche Wahrnehmung. Dies beginnt sich zu ändern. Kritische Töne zur US-Wahl bietet die Welt. Jörg Wimalasena analysiert in seinem Artikel „Aus Obamas Fehlern hat Kamala Harris nichts gelernt“, dass Harris ähnliche Fehler wie Barack Obama mache. Wie Obama setze auch sie auf Selbstinszenierung, ohne substanzielle Reformen anzubieten. Dies habe nicht nur Obamas Präsidentschaft geprägt, sondern den Weg für Donald Trumps Aufstieg geebnet. Harris scheitere daran, neue Wählergruppen zu mobilisieren, und verliere zunehmend an Rückhalt, insbesondere unter jüngeren Wählern und Frauen. Die Kritikpunkte konzentrieren sich auf ihr Versäumnis, auf zentrale Themen wie Migration und hohe Lebenshaltungskosten einzugehen.
In einem Interview mit der Welt gibt der renommierte Demoskop Frank Luntz eine eher düstere Prognose für Harris ab. Er sieht Trump in einer starken Position, besonders in den Swing States, wo seine Unterstützer hochmotiviert sind, was ein Schlüsselfaktor im bevorstehenden Wahlkampf sein dürfte. Luntz zufolge hat Harris in den letzten Wochen stark an Popularität eingebüßt, was vor allem auf ihren Mangel an konkreten Lösungen für die drängenden Probleme des Landes zurückzuführen ist. Die Wahl sei jedoch nach wie vor offen, und die politische Spaltung in den USA werde sich weiter vertiefen.
Während viele politische Analysten die Umfragen als Gradmesser für die Wahl betrachten, richten Investoren ihre Aufmerksamkeit auf andere Indikatoren. Der Aktienmarkt hat 2024 bisher ein starkes Wachstum von 23 % verzeichnet. Historisch gesehen zeigen Studien, dass die Märkte unter demokratischen Präsidenten besser abschneiden, während eine republikanische Kontrolle des Kongresses zu stärkeren Gewinnen führt. Ein sogenannter „Democratic Sweep“, also der vollständige Sieg der Demokraten in allen relevanten Kammern, könnte hingegen kurzfristig negative Auswirkungen auf den Aktienmarkt haben, da höhere Steuern und strengere Regulierungen erwartet werden. Ein republikanischer Sieg könnte in der kurzen Frist positive Effekte durch Deregulierung haben, aber höhere Zinsen könnten das Wachstum der Märkte letztlich dämpfen.
Einer der auffälligsten Unterstützer Trumps ist neben Elon Musk der Milliardär und Investor Bill Ackman, der in einem Interview mit CNBC auf die Risiken eines demokratischen Sieges für die Wirtschaft hinwies. Ackman, wie auch andere prominente Investoren, erwartet, dass ein republikanischer Wahlsieg zu einer robusteren Wirtschaftspolitik führen könnte, die jedoch langfristig von anderen Faktoren wie Zinserhöhungen belastet werden könnte.
Abseits der Finanzmärkte zeigt auch die politische Debatte in den USA große Unstimmigkeiten. Der US-Journalist Frank Miele prognostiziert einen klaren Sieg Trumps und erwartet nach der Wahl heftige Reaktionen der progressiven Linken, die möglicherweise in gewaltsame Proteste münden könnten, ähnlich wie nach der Wahl 2016. Miele warnt zudem vor möglichen rechtlichen Auseinandersetzungen, bei denen die Demokraten versuchen könnten, Trumps Amtseinführung zu blockieren. Viele Amerikaner seien enttäuscht von der Präsidentschaft Bidens, was die Wahrscheinlichkeit eines Sieges Trumps zusätzlich erhöhe.
Resümee
Die bevorstehende US-Wahl bleibt unvorhersehbar, da die Meinungen stark divergieren – sowohl in den Umfragen als auch auf den Finanzmärkten und in den Medien. Während die Umfragen auf ein enges Rennen hindeuten, sehen Wettplattformen und Investoren Trump in einer komfortablen Position. Es könnte für die deutsche Öffentlichkeit, die den neusten Umschwung der Prognose nur teilweise mitvollziehen zu scheint, erneut zu einer Überraschung kommen, wie wir sie bereits 2016 erlebt haben. Kamala Harris steht dabei vor der Herausforderung, das Vertrauen der Wähler zu gewinnen, während Trump auf die Unterstützung seiner engagierten Basis bauen kann. Die Wahl könnte nicht nur die politische Zukunft der USA bestimmen, sondern auch weitreichende Auswirkungen auf die Wirtschaft und die Finanzmärkte haben.
Quellen:
- https://www.realclearpolitics.com/articles/2024/10/21/two_weeks_before_the_meltdown_begins_151805.html
- https://www.thestreet.com/investing/stocks/druckenmiller-bold-view-stocks-election
- https://www.welt.de/debatte/kommentare/article254115156/US-Wahl-Aus-Obamas-Fehlern-hat-Kamala-Harris-nichts-gelernt.html?source=puerto-reco-2_ABC-V41.4.C_FCM_p35_extra_row
- https://www.youtube.com/watch?v=bPdsN_YmP60
- https://www.welt.de/politik/ausland/us-wahl/plus254143766/US-Wahl-In-den-letzten-20-30-Tagen-ist-Harris-abgrundtief-schlecht-geworden.html
