Die demografische Analyse spielt eine wesentliche Rolle in der Bewertung geopolitischer Konflikte, wird allerdings in der deutschen Diskussion nur unzureichend berücksichtigt.
Ein bemerkenswertes Konzept ist dabei der sogenannte War Index, der von dem Sozialwissenschaftler Gunnar Heinsohn entwickelt wurde. Der Index misst das Verhältnis der männlichen Bevölkerung im Alter von 15 bis 29 Jahren zu den über 55-jährigen Männern in einer Gesellschaft. Ein hoher Wert indiziert ein Überangebot an jungen Männern, was mit gesellschaftlichen Spannungen und einem erhöhten Risiko für Konflikte assoziiert wird.
Ein Blick auf die von Heinsohn im Jahr 2018 bereitgestellten Daten des Jahres 2017 zeigt, dass der War Index für Russland einen Wert von 0,67 und für die Ukraine einen Wert von 0,76 aufweist. Diese Werte indizierten seinerzeit eine geringe demografische Basis für militärische Eskalationen, insbesondere im Vergleich zu Ländern mit deutlich höheren Werten, die als konfliktanfälliger gelten. Dennoch wurde bereits zu diesem Zeitpunkt darauf hingewiesen, dass Russland vor erheblichen demografischen Herausforderungen stand, im Falle eines militärischen Konflikts über genügend Rekruten zu verfügen. Für das Jahr 2030 prognostizierte Heinsohn (2018) für Russland einen Anstieg des War Index auf 1,19 sowie für die Ukraine einen Wert von 0,99. Die dargestellten Zahlen verdeutlichen, dass beide Länder trotz eines leichten Anstiegs weiterhin eine vergleichsweise niedrige demografische Grundlage für anhaltende oder neue Konflikte aufweisen.
Die jüngsten Entwicklungen im Ukraine-Konflikt, wie sie von Natasha Lindstaedt in einem Artikel der Asia Times dargelegt werden, verdeutlichen die Relevanz einer demografischen Perspektive. Russland hat Schätzungen zufolge bereits 115.000 bis 160.000 Soldaten verloren, während rund eine halbe Million weiterer Soldaten verletzt wurde. Die signifikanten Verluste haben zu beträchtlichen Schwierigkeiten bei der Rekrutierung neuer Soldaten geführt, welche durch die suboptimalen Bedingungen zusätzlich verschärft werden. Um diese Lücke zu schließen, greift Russland zunehmend auf Zwangseinberufungen, den Einsatz von Gefangenen und ausländischen Rekruten zurück. Die daraus resultierende Erschöpfung der militärischen Ressourcen könnte Russland dazu zwingen, ein Friedensabkommen anzustreben, um seine verbleibenden Soldaten zu schonen.
Die strategische Perspektive der NATO könnte aus den demografischen Daten ableiten, dass ein längerer Konflikt Russland langfristig schwächen und seine Rolle als globaler Akteur erheblich einschränken könnte. Die von Lindstaedt vorgelegten Zahlen legen nahe, dass die Prognosen des War Index für Russland im Jahr 2030 möglicherweise zu optimistisch waren und tatsächlich ein noch niedrigerer Wert realistisch erscheint. Gleichzeitig könnte dies die strategische Bedeutung der Ukraine für westliche Militärstrategen unterstreichen, da ein anhaltender Konflikt Russlands militärische und wirtschaftliche Reserven weiter erschöpfen könnte.
Diese Dynamik wirft gleichzeitig ethische Fragen auf. Die These, dass die USA einen Konflikt bewusst in die Länge ziehen könnten, um strategische Vorteile zu erzielen, ist hochgradig umstritten.
In diesem Kontext ist die Ankündigung von Donald Trump hervorzuheben, den Ukraine-Konflikt im Falle seiner Wiederwahl schnell beenden zu wollen. Ein solcher Schritt könnte bestehende geopolitische Kalküle durchkreuzen.
Die Analyse des War Index verdeutlicht, dass Bevölkerungsdynamiken in hohem Maße mit geopolitischen Strategien verflochten sind und dass sie als Instrument genutzt werden können, um Machtverhältnisse langfristig zu beeinflussen. Es bleibt zu eruieren, ob und inwiefern diese demografischen Tendenzen die künftige Stabilität in der Region sowie die globale Machtbalance beeinflussen werden.
Verwendete Quellen:
https://think-beyondtheobvious.com/stelters-lektuere/aktueller-war-index-von-gunnar-heinsohn/
