Einleitung: Globale Verschiebungen und Trumps neue Drohungen
Die geopolitische Landschaft hat sich in den letzten Jahren dramatisch verändert. Mit dem erneuten Wahlsieg Donald Trumps, einem „Republican Sweep“ im Kongress und seiner am 30. November 2024 auf Truth Social geäußerten Drohung, 100-prozentige Zölle auf Länder zu erheben, die den US-Dollar als Leitwährung ersetzen wollen, sind die Fronten zwischen den westlichen Staaten und den aufstrebenden Mächten des Globalen Südens und Ostens klarer denn je. Diese Ankündigung richtet sich insbesondere an die BRICS-Staaten sowie deren neue Partner, die mit der Schaffung eines eigenen Währungssystems eine ernstzunehmende Alternative zum bisherigen US-dominierten Finanzsystem anstreben.
Parallel dazu agieren Russland und China zunehmend aggressiv gegenüber dem Westen. Die BRICS-Gruppe und die Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO) stellen in ihrer Kombination ein mächtiges Netzwerk dar, das auf die Errichtung einer multipolaren Weltordnung hinarbeitet. Unterstützt durch Verbündete wie Iran und Nordkorea entwickelt sich die Achse China-Russland-Nordkorea-Iran zu einem ernsthaften geopolitischen Herausforderer.
Trump sieht hierin eine Bedrohung für die US-Dominanz und setzt auf wirtschaftliche Abschreckung durch Strafzölle. Doch wie effektiv kann diese Strategie angesichts der sich verschiebenden Machtzentren sein?
BRICS und SCO
Die BRICS-Staaten und die Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO) sind zwei der bedeutendsten geopolitischen Netzwerke, die sich in den letzten Jahrzehnten als Gegengewicht zu westlich dominierten Institutionen wie der NATO, der Europäischen Union oder der G7 etabliert haben. Beide Organisationen repräsentieren die zunehmenden Bestrebungen großer Schwellenländer und Regionalmächte, die globalen Machtverhältnisse zugunsten einer multipolaren Weltordnung neu zu gestalten.
Die BRICS-Allianz begann 2009 als eine informelle Gruppe der fünf aufstrebenden Volkswirtschaften Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika. Ihr Ziel war es, die wirtschaftliche Zusammenarbeit zu fördern und gemeinsame Positionen zu globalen Themen zu entwickeln, insbesondere im Hinblick auf die Stärkung der Rolle der Entwicklungsländer in internationalen Institutionen. Die Bezeichnung „BRICS+“ beschreibt die Erweiterung der Allianz durch die Einbindung neuer Partnerländer. Im August 2023 einigte sich die BRICS-Gruppe auf die Aufnahme von sechs neuen Mitgliedern, die ab Januar 2024 offiziell Teil der Organisation sein sollten. Zu den Gründungsmitgliedern gehören Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika. Brasilien ist seit 2009 Mitglied und spielt als größte Volkswirtschaft Südamerikas eine führende Rolle bei der wirtschaftlichen Integration der Region. Russland, ebenfalls seit 2009 dabei, nutzt die Plattform, um seine geopolitischen Interessen zu vertreten und Partnerschaften jenseits der westlichen Einflusszonen zu stärken. Indien trat ebenfalls 2009 bei und sieht in der Mitgliedschaft eine Schlüsselrolle, um seine Position in einer multipolaren Weltordnung zu stärken. China, das ebenfalls zu den Gründungsmitgliedern zählt, ist die größte Volkswirtschaft der Gruppe und hat maßgeblich zur Gestaltung der BRICS-Agenda beigetragen. Südafrika, das 2010 als erstes afrikanisches Land beitrat, vertritt die Interessen des Kontinents und unterstreicht die globale Reichweite der BRICS-Allianz.
Ab Januar 2024 sind Saudi-Arabien, Argentinien, Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate, Iran und Äthiopien als neue Mitglieder hinzukommen. Saudi-Arabien, eines der wichtigsten Länder des Nahen Ostens, bringt wirtschaftliche Stärke und geopolitisches Gewicht in die Gruppe ein. Argentinien, die zweite große Volkswirtschaft Südamerikas, stärkt die Präsenz der Gruppe auf dem Kontinent. Ägypten repräsentiert Nordafrika und erweitert die Reichweite der Gruppe auf dem afrikanischen Kontinent. Die Vereinigten Arabischen Emirate symbolisieren mit ihrem Beitritt die zunehmende Bedeutung der Golfstaaten im internationalen Handel. Der Iran, der durch seine strategische Lage und seinen Einfluss im Nahen Osten hervorsticht, bringt geopolitische und energetische Ressourcen ein. Äthiopien, ein wachsendes Schwellenland in Ostafrika, unterstreicht die Diversität der BRICS und das Engagement für Entwicklungsländer.
Die Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO) wurde 2001 gegründet und begann als Sicherheitsallianz mit dem Ziel, Konflikte in Zentralasien zu entschärfen und die Kooperation in der Region zu stärken. Inzwischen hat sich die Organisation zu einer umfassenden Plattform entwickelt, die nicht nur Sicherheit, sondern auch wirtschaftliche und kulturelle Zusammenarbeit fördert. Zu den Gründungsmitgliedern der SCO gehören China, Russland, Kasachstan, Kirgistan, Tadschikistan und Usbekistan. China und Russland nutzen die Organisation, um ihre geopolitischen Interessen in Zentralasien und darüber hinaus zu verfolgen. Kasachstan, Kirgistan, Tadschikistan und Usbekistan sind zentrale Akteure in der Region und profitieren von der wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Kooperation innerhalb der SCO. Indien und Pakistan traten 2017 bei, was die geopolitische Bedeutung der Organisation weiter erhöhte. Indien sieht in der SCO eine Plattform, um seine regionalen und globalen Interessen zu fördern, während Pakistan die Mitgliedschaft zur Unterstützung seiner sicherheitspolitischen Ziele nutzt. Der Iran wurde 2023 als Vollmitglied aufgenommen und stärkt die geopolitische Reichweite der Organisation in den Nahen Osten.
Die enge Zusammenarbeit zwischen BRICS und SCO erweitert die geostrategische Reichweite beider Organisationen. Sie vereinen die Bemühungen, die westliche Dominanz in globalen Institutionen herauszufordern und eine alternative Weltordnung zu etablieren. Die Mitgliedsstaaten profitieren von wirtschaftlicher und sicherheitspolitischer Zusammenarbeit sowie von einer stärkeren politischen Vernetzung auf internationaler Ebene. Diese Entwicklungen verdeutlichen, wie die globalen Machtverhältnisse in Richtung einer multipolaren Weltordnung verschoben werden. Der Westen ist gefordert, auf diese Veränderungen mit einer flexiblen und kohärenten Strategie zu reagieren, um seine Relevanz im globalen Machtgefüge zu sichern.
Kampf gegen den Dollar
Die BRICS-Staaten haben in den letzten Jahren verstärkt daran gearbeitet, den US-Dollar als dominierende Währung im internationalen Handel zu ersetzen und ein alternatives Finanzsystem zu schaffen. Diese Bestrebungen zielen darauf ab, die Abhängigkeit von den USA und deren Einfluss auf die globalen Finanzmärkte zu verringern. Ein zentrales Element dieser Strategie ist die Entwicklung einer gemeinsamen BRICS-Währung, die als Alternative zum Dollar fungieren könnte. Dieses Vorhaben wurde auf verschiedenen Gipfeltreffen der BRICS-Gruppe diskutiert, zuletzt auf dem Gipfel im August 2023, bei dem die Schaffung eines eigenen Währungssystems eine zentrale Rolle spielte.
Die Motivation hinter diesen Bemühungen liegt in der zunehmenden Nutzung von Finanzsanktionen durch die USA als geopolitisches Instrument. Viele BRICS-Staaten, insbesondere Russland und China, sehen den Dollar als ein Werkzeug der US-amerikanischen Hegemonie, das ihre wirtschaftlichen und politischen Freiheiten einschränkt. Russland, das aufgrund des Ukraine-Krieges massiven westlichen Sanktionen ausgesetzt ist, hat seine Handelsbeziehungen zunehmend in anderen Währungen wie dem chinesischen Yuan abgewickelt. China wiederum treibt die Internationalisierung des Yuan voran und hat mit mehreren BRICS-Partnern bilaterale Handelsabkommen geschlossen, die den Dollar umgehen.
Auch die Einrichtung von Finanzinstitutionen wie der New Development Bank (NDB) und des Contingent Reserve Arrangement (CRA) zeigt das Engagement der BRICS-Staaten für eine unabhängigere Finanzstruktur. Die NDB bietet Kredite in den Währungen der Mitgliedsstaaten an, während der CRA als Sicherheitspool für Notfälle dient, um wirtschaftliche Schocks abzufedern, ohne auf Institutionen wie den Internationalen Währungsfonds (IWF) angewiesen zu sein. Diese Mechanismen stärken die wirtschaftliche Autonomie der BRICS-Staaten und bieten eine Plattform, um den US-Dollar in ihren Handels- und Finanzbeziehungen schrittweise zu ersetzen.
Die Erweiterung der BRICS um neue Mitglieder wie Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und den Iran unterstreicht die Bedeutung dieser Bestrebungen. Diese Länder verfügen über bedeutende Energieressourcen und könnten dazu beitragen, den Handel in alternativen Währungen zu etablieren. Der Iran und Saudi-Arabien haben bereits angedeutet, dass sie bereit sind, ihren Handel in anderen Währungen abzuwickeln, was die Position der BRICS als treibende Kraft hinter der Ablösung des US-Dollars weiter stärkt.
Die Herausforderung, eine gemeinsame Währung einzuführen, ist jedoch enorm. Sie erfordert eine umfassende wirtschaftliche und finanzielle Integration sowie die Überwindung politischer Differenzen zwischen den Mitgliedsstaaten. Dennoch ist der Trend eindeutig: Die BRICS-Staaten setzen ihre Bemühungen fort, ein System zu schaffen, das weniger anfällig für die Kontrolle durch westliche Mächte ist. Der Erfolg dieser Strategie könnte die Machtbalance in der Weltwirtschaft grundlegend verändern und den Einfluss der USA langfristig schwächen.
BRICS und der Globale Süden: Eine neue wirtschaftliche Realität
Die BRICS-Staaten gewinnen zunehmend an Bedeutung in der globalen Wirtschaftslandschaft. Mit der Einladung Saudi-Arabiens zur Mitgliedschaft und dessen geplanter Vollaufnahme ab Januar 2024 zeigt sich die zunehmende Attraktivität dieses Bündnisses. Saudi-Arabien verfolgt parallel eine intensivere wirtschaftliche Kooperation mit Brasilien, was unter anderem eine verstärkte Zusammenarbeit im Luftfahrtsektor beinhaltet. Diese Entwicklungen sind Teil einer umfassenden Strategie der BRICS-Staaten, ihre wirtschaftlichen und politischen Verbindungen zu vertiefen und damit den Einfluss des Westens, insbesondere Europas, zu reduzieren.
Besonders bemerkenswert ist die Annäherung zwischen geopolitischen Rivalen wie Saudi-Arabien und dem Iran. Das kürzlich in Peking unterzeichnete bilaterale Versöhnungsabkommen deutet auf eine neue Dynamik hin, die den bisherigen Machtverhältnissen im Nahen Osten widerspricht und die Bedeutung Chinas als Vermittler unterstreicht. Die Kooperation zwischen BRICS und SCO deutet darauf hin, dass diese Organisationen als Instrumente genutzt werden, um eine multipolare Weltordnung voranzutreiben.
Russland und der Iran: Ein Bündnis gegen den Westen
Die sich vertiefenden Beziehungen zwischen Russland und dem Iran stellen eine weitere Herausforderung für westliche Strategien dar. Bereits im März 2023 trafen sich die Außenminister beider Länder, um über eine langfristige strategische Zusammenarbeit zu verhandeln. Diese Partnerschaft dient nicht nur dazu, westliche Sanktionen zu umgehen, sondern stellt auch eine Plattform für gemeinsame Interessen im Energiesektor und in der Verteidigungspolitik dar.
Zusätzlich stärkt Russland seine Verbindungen zu anderen Ländern des Globalen Südens und Ostens, wie etwa China und Indien, sowie zu afrikanischen und lateinamerikanischen Staaten. Diese Bemühungen zielen darauf ab, neue Märkte für russische Energieexporte zu erschließen und gleichzeitig die wirtschaftlichen und politischen Abhängigkeiten vom Westen zu reduzieren.
Die militärische Dimension: China, Iran und Russland
Im militärischen Bereich entwickeln sich neue Bedrohungen für die westlichen Allianzen. Im März 2023 wurde bekannt, dass Russland und China fortgeschrittene Verhandlungen über Waffenlieferungen führen, einschließlich Drohnen- und Raketentechnologie. Der Iran spielt hierbei eine zentrale Rolle, sowohl als Produzent von Drohnen als auch als Abnehmer fortschrittlicher Technologie aus Russland und China.
Diese Entwicklungen verdeutlichen die Notwendigkeit für den Westen, seine militärischen und diplomatischen Strategien anzupassen, um den geopolitischen Verschiebungen entgegenzuwirken. Die Quad-Allianz aus den USA, Japan, Indien und Australien bietet in diesem Kontext eine Möglichkeit, den Einfluss der Vierer-Achse einzudämmen.
Die Türkei: Ein Balanceakt zwischen Ost und West
Die Türkei spielt in diesem neuen geopolitischen Machtgefüge eine besondere Rolle. Als strategischer Knotenpunkt der Neuen Seidenstraße ist sie sowohl für den Westen als auch für die eurasischen Mächte von zentraler Bedeutung. Die USA verfolgen eine Politik der Zurückhaltung gegenüber der Türkei, um eine direkte Konfrontation mit Russland und China zu vermeiden. Gleichzeitig dient die Türkei als Instrument, um Spannungen in der Region aufrechtzuerhalten und eine Dominanz einzelner Mächte zu verhindern.
Fazit: Geopolitische Herausforderungen und Trumps Strategie
Donald Trumps harte Rhetorik und wirtschaftliche Abschreckungspolitik gegenüber den BRICS-Staaten mag oberflächlich betrachtet aggressiv erscheinen, doch sie reflektiert eine realistische Einschätzung der geopolitischen Bedrohung durch die wachsende Kooperation zwischen Russland, China, Iran und ihren Verbündeten. Die westlichen Staaten stehen vor der Aufgabe, ihre strategischen Annahmen zu überdenken und sich auf eine multipolare Weltordnung einzustellen.
Ob die Strafzölle und anderen Maßnahmen ausreichen werden, um die Dynamik der BRICS-Gruppe und ihrer Partner zu bremsen, bleibt fraglich. Sicher ist jedoch, dass die geopolitischen Verschiebungen des 21. Jahrhunderts langfristige Auswirkungen auf das internationale Gleichgewicht, die Lebensweise und den Wohlstand des Westens haben werden. In einer Welt, in der sich die Machtverhältnisse zunehmend zugunsten des Globalen Südens und Ostens verschieben, wird die Fähigkeit des Westens, flexibel zu reagieren, entscheidend sein.
