Die Deindustrialisierung ist derzeit ein Thema, das in Deutschland lebhaft diskutiert wird. Die Ampel-Regierung sieht sich mit Vorwürfen konfrontiert, die von politischen Gegnern sowie Vertretern der Industrie geäußert werden. Diese werfen der Regierung vor, durch unklare Förderprogramme, eine inkonsistente Energiepolitik und übermäßige Bürokratie die Abwanderung von Unternehmen zu begünstigen. Dies könnte möglicherweise den Wohlstand und die technologische Innovationskraft des Landes gefährden.
Doch darf nicht vergessen werden, dass die Deindustrialisierung kein rein nationales Phänomen ist. In einem bemerkenswerten Artikel in der Asia Times mit dem Titel „Manufacturing is a war now – and the democracies are losing“ beleuchtet der Autor Noah Smith, wie dieses Problem auch eine geopolitische Dimension hat, die in Deutschland bisher wenig Beachtung findet.
Sicherheitspolitische Aspekte der industriellen Basis
Smith vertritt die Auffassung, dass die industrielle Basis nicht nur aus wirtschaftlicher, sondern auch aus sicherheitspolitischer Perspektive von entscheidender Bedeutung ist. Sein Artikel zeigt auf, wie autoritäre Staaten wie China gezielt daran arbeiten, die industrielle Dominanz westlicher Demokratien zu untergraben. Er bezeichnet diesen Prozess als eine Art Wirtschaftskrieg.
Smith zufolge agiert China als strategischer Akteur, der Schlüsselindustrien gezielt übernimmt und dominiert, insbesondere in Bereichen wie Batterien, Halbleitern und Drohnentechnologie. Diese Industrien sind von entscheidender Bedeutung für die Wirtschaft, aber auch für die Verteidigung und Sicherheit. Ein Beispiel hierfür sind Batterien für Drohnen. China hat nicht nur Kontrolle über die Rohstoffe wie Lithium und Kobalt, sondern auch über große Teile der Produktionskette. Ein weiterer Aspekt, der in diesem Kontext Beachtung finden sollte, ist die Abhängigkeit westlicher Demokratien von chinesischen Zulieferern im Falle eines Konflikts. Dies könnte die Fähigkeit dieser Staaten, eigene Drohnen oder andere Rüstungsgüter herzustellen, beeinträchtigen.
Demokratien haben Schwierigkeiten, die kritische Produktionskapazität aufrechtzuerhalten
Der Artikel weist zudem darauf hin, dass Demokratien wie die USA, Deutschland und andere EU-Staaten zunehmend Schwierigkeiten haben, ihre Produktionskapazitäten aufrechtzuerhalten. Ein solcher Verlust an industrieller Basis hat zur Folge, dass die westlichen Länder nicht nur wirtschaftlich schwächer werden, sondern auch militärisch verwundbarer. Im Gegensatz dazu investiert China in seine Industrien und unterstützt diese in erheblichem Maße. Westliche Demokratien verlassen sich ihrerseits oft auf globale Lieferketten und günstige Produktion im Ausland. Dies könnte sich langfristig möglicherweise als strategischer Fehler erweisen.
Smith zieht eine historische Parallele: Während des Zweiten Weltkriegs stellte die industrielle Kapazität der USA einen entscheidenden Faktor für den Sieg der Alliierten dar. Der Autor weist darauf hin, dass es den Demokratien derzeit nicht möglich ist, in kurzer Zeit eine ähnliche industrielle Mobilisierung zu erreichen. Der Verlust an Know-how, Produktionskapazitäten und Fertigungsstätten birgt das Risiko, dass sich im Ernstfall gravierende Konsequenzen einstellen könnten.
Chinas Rolle im internationalen Wettbewerb
Ein weiterer wichtiger Punkt, der in diesem Kontext Erwähnung finden sollte, ist die Rolle Chinas im internationalen Wettbewerb. Der Artikel beleuchtet, wie China nicht nur wirtschaftlich, sondern auch diplomatisch an Einfluss gewinnt. China hat durch Investitionen in Entwicklungsländer und die sogenannte „Neue Seidenstraße“ dazu beigetragen, dass zahlreiche Staaten wirtschaftlich voneinander abhängig geworden sind. Dies führt dazu, dass China zusätzlichen Einfluss gewinnt, während die Position westlicher Demokratien geschwächt wird.
Noah Smiths Artikel zeichnet ein Bild, das auch für Deutschland von großer Relevanz ist und Anlass zur Sorge gibt. Denn während China seine Strategie konsequent verfolgt, könnten die internen politischen Grabenkämpfe und die zögerliche Industriepolitik in Deutschland möglicherweise als Schwächung der eigenen Stärke wahrgenommen werden. Die Frage, die sich stellt, ist, auf welche Weise Deutschland seine industrielle Basis stärken und zugleich den internationalen Herausforderungen gerecht werden könnte.
Lösungsansätze
Es sei darauf hingewiesen, dass es einige denkbare Lösungsansätze gibt. Es wäre zu überlegen, ob eine aktive Industriepolitik, die gezielt strategische Branchen wie Batterien, Halbleiter und erneuerbare Energien fördert, für Deutschland nicht der richtige Weg wäre. Gleichzeitig wäre es empfehlenswert, die Abhängigkeit von chinesischen Lieferketten zu reduzieren. Dies könnte beispielsweise durch eine verstärkte Zusammenarbeit mit Ländern wie Kanada oder Australien erreicht werden. Es wäre zu überlegen, ob Investitionen in Forschung und Entwicklung nicht dazu beitragen könnten, Deutschland wieder technologisch führend zu machen. Zudem wäre eine enge Zusammenarbeit innerhalb der Europäischen Union von entscheidender Bedeutung, um im globalen Wettbewerb bestehen zu können.
Smiths Analyse sollte als Weckruf verstanden werden. Die industrielle Basis ist nicht nur ein Wirtschaftsfaktor, sondern ein zentraler Baustein für die Zukunftssicherheit westlicher Demokratien. Deutschland sollte sich der Herausforderung stellen und eine Strategie entwickeln, die sowohl nationale Interessen als auch globale Dynamiken berücksichtigt. Es wäre wünschenswert, wenn die derzeitige öffentliche Debatte dazu beitragen würde, das Bewusstsein für die Dimensionen des Problems zu schärfen.
