In den kommenden Jahrzehnten wird die Welt zunehmend mit einem Phänomen konfrontiert, das die Grundlagen unserer Gesellschaft und Wirtschaft nachhaltig beeinflussen könnte: dem „demographischen Winter“. Dieser Begriff beschreibt den weltweiten Rückgang der Geburtenraten mit weitreichenden Folgen für Arbeitsmärkte, soziale Sicherungssysteme und geopolitische Stabilität. Entgegen der oft geäußerten Angst vor Überbevölkerung ist der Bevölkerungsrückgang das wirklich drängende Problem unserer Zeit.
Facettenreiche Fakten
Wie komme ich zu dieser These? Die Fertilitätsrate, also die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau, ist weltweit sehr unterschiedlich.
In Afrika liegt sie mit rund 4,07 Kindern pro Frau (Stand 2023) noch über dem globalen Durchschnitt von 2,3, während Europa mit 1,4 Kindern pro Frau die weltweit niedrigste Rate aufweist.
Unter den G20-Staaten weisen Länder wie Deutschland (1,39) und Japan (1,30) besonders niedrige Fertilitätsraten auf. Diese niedrigen Werte führen dazu, dass die Bevölkerung dieser Länder langfristig schrumpfen wird. Aber auch in anderen G20-Staaten sieht es nicht besser aus.
In Südafrika lag sie bei 2,28 Kindern, gefolgt von Saudi-Arabien mit 2,27 Kindern. Indien und Indonesien wiesen jeweils eine Rate von 2,22 Kindern je Frau auf, während Mexiko mit 2,12 und Argentinien mit 2,10 Kindern etwas darunter lagen. In der Türkei waren es 2,04 Kinder. Australien wies eine Geburtenrate von 1,83 Kindern je Frau auf, dicht gefolgt von den Vereinigten Staaten mit 1,78 Kindern. In Russland waren es 1,58, in Frankreich 1,57 und im Vereinigten Königreich 1,56 Kinder je Frau. Brasilien kam auf 1,55, Kanada auf 1,50 und China auf 1,49 Kinder je Frau. In Deutschland war die Rate mit 1,39 Kindern je Frau vergleichsweise niedrig, während Italien mit 1,31 und Japan mit 1,30 noch niedrigere Werte aufwiesen. Die niedrigste Geburtenrate hatte Südkorea mit nur 0,90 Kindern je Frau. Deutschland und Japan fallen also keineswegs völlig aus dem Rahmen.
Ein Gegenbeispiel liefert Israel, das mit einer durchschnittlichen Geburtenrate von drei Kindern pro Frau als Ausnahmeerscheinung gilt. Hier gelingt es, traditionelle Werte mit einer modernen Wirtschaft und einer hohen Erwerbsbeteiligung von Frauen zu verbinden. Diese demographische Stabilität dürfte Israel – so zumindest die These Spenglers in seinem Beitrag „Israel ist die Zukunft des Nahen Ostens“ – eine führende Position im Nahen Osten verschaffen, während andere Länder der Region mit Stagnation zu kämpfen haben. Allerdings ist Israel für seine Einwohner ein sehr attraktives Land, so dass nicht zu erwarten ist, dass israelische Arbeitskräfte als Arbeitsmigranten die demografischen Probleme der europäischen Staaten lindern können. Auch der weit verbreitete Antisemitismus, der durch die Migration aus dem arabischen Raum zum Teil noch deutlich verstärkt wird, führt dazu, dass Migrationsbewegungen, wenn überhaupt, eher in Richtung Israel stattfinden.
Etwas zugespitzt könnte man deshalb formulieren, dass Afrika in wenigen Jahrzehnten die einzige Region sein dürfte, die noch einen Überschuss an Arbeitskräften bereitstellen kann.
Lehren aus Japan
Was also tun? Dazu gibt es bereits vereinzelte Überlegungen und auch erste Erfahrungen.
Japan gilt als Vorreiter im Umgang mit den Folgen eines dramatischen demografischen Wandels. Bereits seit den 1990er Jahren ist das Land mit einer stagnierenden Wirtschaft und einer alternden Gesellschaft konfrontiert. Die Folgen: Zunehmender Druck auf das Rentensystem, wachsender Fachkräftemangel und steigende Staatsverschuldung.
Zwar versucht Japan mit technologischen Innovationen und einer schrittweisen Öffnung für Zuwanderung gegenzusteuern, doch sind diese Ansätze bislang nur begrenzt erfolgreich. Viele Länder wie Südkorea oder Spanien stehen vor ähnlichen Herausforderungen.
Talente und Migration: Ein zweischneidiges Schwert
Überhaupt, die Migration. In einer globalisierten Welt spielen Migration und der Wettbewerb um Talente eine zentrale Rolle. Als ein Beispiel mag China dienen. Das Land sieht sich nicht nur mit einer sinkenden Fertilitätsrate, sondern auch mit einem „Brain Drain“, also einem Verlust an hochqualifizierten Einwohnern, konfrontiert. Eine Antwort auf diese Situation ist das Thousand Talents Program.
Das Thousand Talents Program wurde 2008 von der chinesischen Regierung ins Leben gerufen, um führende Wissenschaftler und Experten aus dem Ausland für eine Tätigkeit in China zu gewinnen. Ziel des Programms ist es, die internationale Wettbewerbsfähigkeit Chinas in Wissenschaft und Technologie durch die Anwerbung hochqualifizierter Fachkräfte in Schlüsseltechnologien und innovativen Bereichen zu stärken. Das Thousand Talents Program richtet sich sowohl an im Ausland ausgebildete Chinesen als auch an ausländische Experten mit herausragenden Fähigkeiten. Teilnehmer des Programms erhalten attraktive Anreize, darunter finanzielle Unterstützung, Forschungsgelder und Zuschüsse zu Wohn- und Transportkosten. Allerdings wurde das Programm in einigen Ländern kritisiert, da Bedenken hinsichtlich des möglichen Diebstahls geistigen Eigentums und der Gefährdung der nationalen Sicherheit geäußert wurden. Trotz dieser Bemühungen gelingt es dem Land nicht, genügend hochqualifizierte Wissenschaftler und Fachkräfte zurückzugewinnen, die in den USA oder Europa bessere Arbeitsbedingungen vorfinden.
Europa hingegen zieht sowohl hochqualifizierte als auch unqualifizierte Migranten an. Dies stellt die Staaten vor eine doppelte Herausforderung: Die Integration von Talenten in den Arbeitsmarkt muss gelingen, während gleichzeitig die Kosten und sozialen Spannungen durch unqualifizierte Migration bewältigt werden müssen. Kritiker wie Daniel Stelter bemängeln, dass die hohen Sozialabgaben und die große Zahl gering qualifizierter Migranten, die Europa anzieht, dazu führen könnten, dass hochqualifizierte Migranten andere Ziele wie die USA, Kanada oder Australien dem europäischen Raum vorziehen. Auch begünstigt die Gesamtentwicklung, dass auch Europa unter einem Brain Drain zu leiden beginnt.
Generell ist zu bedenken, dass demografische Trends von Migrationsströmen überlagert werden können. Dies wird von demographisch schwachen Gesellschaften wie derzeit Deutschland häufig als bedrohlich empfunden. Und tatsächlich geht in einem solchen Prozess die bisherige, traditionell geprägte Welt mit ihrem Selbstverständnis verloren. In Ländern, aus denen Migration erfolgt, leidet die Ökonomie und die Infrastruktur häufig darunter, dass es oft die eher talentierten Mitglieder der Gesellschaft sind, die auswandern. Im Gesamtkontext muss jedoch berücksichtigt werden, dass das Zusammenspiel von Demografie, Qualifikation und Migration immer dynamisch ist. Und so wie Bevölkerungswachstum eine positive Entwicklung der Wirtschaft bedeutet, zieht Wirtschaftskraft immer auch Migration an. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die daraus resultierenden Bedingungen statisch sind. Im Gegenteil, sie sind hochdynamisch, von Spannungen und Konkurrenz geprägt und oft sehr fragil.
Neue Ansätze in der Bevölkerungspolitik
Der ehemalige US-Diplomat Ichabod plädiert in einem Beitrag für die „Asia Times“ für eine radikale Neuausrichtung der Bevölkerungspolitik. Er argumentiert, dass Kindererziehung durch Skaleneffekte und Spezialisierung effizienter gestaltet werden kann. Statt Haushalte nur finanziell zu unterstützen, sollten gezielt große Familien gefördert werden, die durch Arbeitsteilung und gemeinsame Ressourcen Vorteile erzielen können.
Bisherige Ansätze wie Steuervergünstigungen oder Kindergeld haben die Geburtenraten kaum nachhaltig beeinflusst. Ein innovativer Ansatz, der strukturelle Probleme angeht, könnte jedoch neue Perspektiven eröffnen.
Ob die Vorschläge von Ichabod tatsächlich praxistauglich sind, darf allerdings bezweifelt werden.
Demografie und Geopolitik: Der Kriegsindex
Neben wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen beeinflusst die demografische Entwicklung auch geopolitische Strategien. Der von Gunnar Heinsohn entwickelte „War Index“ zeigt, dass Länder mit einem hohen Anteil junger Männer (z.B. Afghanistan) in Konflikten widerstandsfähiger sind. Demgegenüber sind Staaten wie Deutschland mit niedrigen War-Index-Werten anfälliger für militärische Verluste. Langfristig bedeutet dies, dass die militärische Stärke sowohl der afrikanischen Länder als auch Israels zunehmen könnte. Entgegen aktueller Befürchtungen ist es wahrscheinlich, dass sowohl die USA als auch Russland und China mittelfristig militärisch deutlich zurückstecken müssen.
Fazit
Der demografische Winter ist eine komplexe Herausforderung mit weitreichenden gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und geopolitischen Konsequenzen.
Innovative Ansätze in der Bevölkerungspolitik, die Nutzung von Skaleneffekten und eine koordinierte globale Strategie sind unerlässlich, um die Folgen zu bewältigen. Allerdings dürften sie auch in ihrer Wirksamkeit begrenzt sein.
Die Erfahrungen von Ländern wie Japan, Israel und China bieten wertvolle Einblicke, aber es bedarf neuer, kreativer Lösungen, um die Zukunft unserer Zivilisation nachhaltig zu sichern. Angesichts der Globalität des Problems und seiner engen Verflechtung mit Prozessen der industriellen Entwicklung, der Globalisierung und der Emanzipation der Frau, die auch in Regionen voranschreitet, die sich der westeuropäischen Wahrnehmung eher entziehen, sei hier die Prognose gewagt, dass die Richtung des demographischen Prozesses tendenziell außerhalb staatlicher Einflussnahme liegt.
Vielmehr könnten die Folgen so aussehen, dass demographisch wachsende Regionen auch wirtschaftlich und irgendwann auch machtpolitisch relevanter werden. Sollten sich die gegenwärtigen Trends fortsetzen, läge die Zukunft in 75 Jahren also in Afrika und Israel.
Aber es wird kommen, wie es immer kommt: Die Zukunft wird ganz anders aussehen, als die Prognosen es vorhersagen. Wir dürfen gespannt sein.
Quellen:
https://asiatimes.com/2024/10/brain-drain-contest-chinas-1000-talents-vs-us-soft-power/
https://www.cicero.de/aussenpolitik/migrationsstroeme-die-folgen-der-globalen-voelkerwanderung
https://asiatimes.com/2024/08/israel-is-the-future-of-the-middle-east/
https://asiatimes.com/2024/09/the-economic-way-to-reverse-demographic-decline/
https://think-beyondtheobvious.com/stelters-lektuere/aktueller-war-index-von-gunnar-heinsohn/
https://think-beyondtheobvious.com/stelters-lektuere/__trashed-2/
https://www.youtube.com/watch?v=PGXgp00Z8Sg
