Zwischen Panik und Ratlosigkeit: Europa im Trump-Schock
Seit Trumps Wahlsieg reagiert ein Großteil der europäischen politischen Klasse mit hektischer Betriebsamkeit – doch oft fehlt eine nüchterne Analyse dessen, was tatsächlich auf Europa zukommt. Hinter den empörten Kommentaren lässt sich ein fast greifbarer kognitiver Widerstand ausmachen, die Tragweite der Entwicklungen anzuerkennen.
Die Rückkehr des „America First“ – diesmal mit Strategie
Mit Donald Trumps Rückkehr ins Weiße Haus nimmt eine wirtschaftspolitische Vision Gestalt an, die weit über populistische Rhetorik hinausreicht. Was in seiner ersten Amtszeit als impulsiv erschien, ist wohl in Wirklichkeit Teil einer strategisch durchdachten geo-ökonomischen Repositionierung. Trumps politische Rolle liegt dabei weniger im originären Entwurf als im Vollzug einer Strategie, die aus dem Umfeld einer rechtsgerichteten US-Elite stammt. Diese verfolgt zwei zentrale Ziele: die Eindämmung der strukturellen Überschuldung der Vereinigten Staaten und die Neuordnung der globalen Machtarchitektur.
Die BRICS-Herausforderung als geopolitische Vorgeschichte
Der geopolitische Kontext dieser Strategie liegt in der schwindenden Dominanz westlicher Institutionen. Die BRICS-Staaten – ein Bündnis, das versucht, den sogenannten globalen Süden machtpolitisch zu repräsentieren, es besteht aus Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika und wurde inzwischen erweitert um Saudi-Arabien, Argentinien, Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate, Iran und Äthiopien – entwickeln sich zu einem Gegenpol zum westlich geprägten Finanz- und Sicherheitssystem. Parallel dazu etabliert die Shanghai Cooperation Organization (SCO) mit China, Russland, Indien und Iran sicherheitspolitische Strukturen, die zunehmend an Gewicht gewinnen.
Ziel dieser Zusammenschlüsse ist unter anderem die Entkopplung vom US-Dollar. Initiativen wie die BRICS-Währung, die New Development Bank und das Contingent Reserve Arrangement sind konkrete Schritte zur Schwächung der amerikanisch dominierten Finanzordnung. Die tektonischen Verschiebungen sind real – und sie stoßen in Washington auf entschlossene Gegenstrategien.
Das Triffin-Dilemma als konzeptioneller Rahmen
In dieser Lage gewinnt das Strategiepapier von Stephen Miran, dem Vorsitzenden des Council of Economic Advisers unter Trump, besondere Bedeutung. Es wurde im November 2024 unter dem Titel A User’s Guide to Restructuring the Global Trading System veröffentlicht und greift das sogenannte Triffin-Dilemma auf: Der Dollar als Weltreservewährung zwingt die USA zur ständigen Schaffung von Liquidität, was langfristig – so das Strategiepapier – zu Handelsdefiziten und industrieller Erosion führt. Die strukturelle Überbewertung des Dollars verteuert Exporte, begünstigt Importe – und schwächt die industrielle Basis der USA.
Die Trump-Administration macht diesen Mechanismus für den Niedergang ganzer Industrieregionen verantwortlich. Der „Rust Belt“, Trumps wichtigste Wählerbasis, ist in dieser Perspektive Ausdruck dieser Deindustrialisierung.
Die Miran-Doktrin als wirtschaftspolitischer Gegenentwurf
Vor diesem Hintergrund verfolgt Trumps Beraterstab einen Gegenplan. Ziel ist nicht die vollständige Abkehr vom Dollar als Leitwährung, sondern eine strategische Neuausrichtung: Die ökonomischen Kosten der globalen Führungsrolle sollen nicht mehr allein von den USA getragen werden. Verbündete, die unter dem Schutzschirm der USA stehen, sollen sich künftig auch wirtschaftlich an dessen Aufrechterhaltung beteiligen.
Diese Verbindung von Sicherheitsgarantien und wirtschaftlichem Druck ist explizit – nicht implizit. Strafzölle auf Länder, die an der Dedollarisierung mitwirken, sind ein direktes Mittel der Gegensteuerung. Die Botschaft: Wer sich dem Dollar entzieht, muss mit ökonomischer Vergeltung rechnen.
Drei Denkschulen – ökonomischer Pluralismus im Trump-Team
Innerhalb der Administration existieren allerdings unterschiedliche Auffassungen zur Umsetzung dieser Strategie:
Peter Navarro, ehemaliger Produktions- und Handelsberater, steht für einen kompromisslosen Protektionismus. Er sieht in Zöllen ein dauerhaftes Mittel zur Sicherung nationaler Industrien und zur Korrektur globaler Ungleichgewichte. Sein Konzept der „Reziprozitätszölle“ zielte auf Länder mit systematischen Exportüberschüssen – wurde jedoch auch innerhalb der Administration als zu starr kritisiert.
Scott Bessent, aktueller Finanzminister, verfolgt einen flexibleren Ansatz. Er versteht Zölle vor allem als Druckmittel, um Handelsgespräche zu erzwingen, setzt auf selektive Verhandlungen mit strategischen Partnern wie Japan oder China und strebt die Reduktion von Handelsbarrieren über diplomatische Kanäle an. Bessents realpolitischer Kurs brachte ihm in europäischen Medien Anerkennung – etwa in Die Welt vom 10. Mai 2025 unter dem Titel „Stiller Killer – der Trump-Minister, der Europas beste Hoffnung ist“ (Gregor Schwung).
Stephen Miran bringt als Ökonom die systemische Perspektive ein. Er analysiert Wechselwirkungen zwischen Zöllen, Währungsbewertung und industrieller Wettbewerbsfähigkeit. Sein Vorschlag eines „Mar-a-Lago-Abkommens“ – angelehnt an das Plaza-Abkommen von 1985 – zielt auf eine koordinierte Abwertung des Dollars zur Reindustrialisierung.
Währungspolitik als flankierendes Instrument
Miran sieht in seinem Strategiepapier in der Währungspolitik das zentrale Gegenstück zur Zollstrategie. Zwar gelten multilaterale Wege über G7 oder IWF als wünschenswert, doch in der Praxis dürften einseitige Maßnahmen dominieren – darunter Kapitalverkehrskontrollen oder der Einsatz des International Emergency Economic Powers Act (IEEPA). Der wirtschaftspolitische Stil folgt Trumps diplomatischem Muster: maximaler Druck vor Verhandlung.
Eine wenig beachtete, aber bedeutende Dimension betrifft die US-Staatsfinanzen: Die Administration versucht offenbar, die Zinslast durch politischen Druck auf Gläubigerstaaten zu reduzieren. Staatsnahe Investoren und Notenbanken sollen langfristige Anleihen mit niedriger Verzinsung kaufen – zur Stabilisierung des Schuldenniveaus ohne innenpolitisch riskante Sparprogramme. Parallel dazu wird die globale Rolle des Dollars aktiv gestützt, um Vertrauen in die US-Bonität zu sichern.
Globale Risiken und die Rolle der Federal Reserve
Diese Neuordnung birgt erhebliche Risiken: abrupte Währungsanpassungen, Marktvolatilität und Kapitalflucht. Die Miran-Doktrin erkennt diese Gefahren, stuft sie aber als kontrollierbar ein – vorausgesetzt, das Zusammenspiel von Finanzministerium, FED und Handelsministerium gelingt. Ob die traditionell unabhängige Notenbank jedoch bereit ist, sich Trumps geoökonomischem Kurs unterzuordnen, bleibt offen.
Implikationen für Europa: Die strategische Schockstarre überwinden
Europa profitiert seit Jahrzehnten vom offenen Welthandel und dem stabilen Dollar. Doch diese Ordnung ist ins Rutschen geraten. Die transatlantische Asymmetrie – militärischer Schutz gegen wirtschaftliche Passivität – wird zunehmend infrage gestellt.
Stichworte wie „strategische Autonomie“ dürfen keine Leerformeln bleiben. Europa muss verteidigungspolitisch handlungsfähig werden, kritische Lieferketten absichern und den Euro als globale Alternativwährung etablieren. Industriepolitisch braucht es echte Investitionsoffensiven in Schlüsseltechnologien wie Halbleiter, Quantentechnologie, KI und grüne Energie.
Gleichzeitig könnte Europa diplomatisch eine Vermittlerrolle einnehmen – sofern es gelingt, eine eigenständige geopolitische Position zu entwickeln. Entscheidend wird sein, den europäischen Binnenmarkt zu stärken und Abhängigkeiten von außereuropäischen Handelsstrukturen zu reduzieren.
Fazit: Die Zeit zum Handeln ist jetzt
Die neue US-Handelsstrategie folgt einer logischen, machtpolitisch motivierten Doktrin. Sie ist nicht irrational, sondern eine Reaktion auf die tektonischen Verschiebungen im globalen Machtgefüge. Dass sie durch einen Akteur wie Trump umgesetzt wird, dessen Verhältnis zu demokratischen Normen zweifelhaft ist, macht sie nicht weniger wirksam – aber schwerer berechenbar.
Europa darf sich nicht länger in struktureller Schockstarre einrichten. Die globale Ordnung wird derzeit neu verhandelt – mit ökonomischen Mitteln, aber politischer Wucht. Wenn Brüssel weiterhin über Formulierungen debattiert, während Washington und Peking längst handeln, droht Europas wirtschaftliche Marginalisierung.
Quelle:
Stephen Miran: A User’s Guide to Restructuring the Global Trading System, Hudson Bay Capital, November 2024 https://www.hudsonbaycapital.com/documents/FG/hudsonbay/research/638199_A_Users_Guide_to_Restructuring_the_Global_Trading_System.pdf
