Einleitung: Das Spannungsfeld politischer Ethik
Politik steht unter permanentem Legitimationsdruck. Einerseits soll sie moralisch integer handeln, andererseits realistische und wirksame Ergebnisse erzielen.
Hinzu kommt: Sie muss auf komplexe, oft unvorhersehbare Entwicklungen reagieren – von Energiekrisen über technologische Disruptionen bis hin zu geopolitischen Erschütterungen.
Wie kann unter solchen Bedingungen eine verantwortliche Politik gelingen?
Zwei große ethische Paradigmen strukturieren das politische Denken: der kategorische Imperativ nach Kant, der die moralische Maxime über alles stellt, und der Utilitarismus, der das größte Glück der größten Zahl als Leitgröße nimmt. Beide Ansätze bergen Stärken – aber auch erhebliche Risiken, wenn sie isoliert angewandt werden.
Ein drittes Moment kommt hinzu, das in der politischen Ethik bisher zu wenig beachtet wird: die Idee der Antifragilität, wie sie von Nassim Nicholas Taleb entwickelt wurde. Taleb argumentiert, dass Systeme, die nur robust, aber nicht lernfähig sind, langfristig zusammenbrechen.
In der Politik bedeutet das: Gute Entscheidungen erkennt man nicht nur an ihren Zielen oder Wirkungen, sondern an der Widerstandsfähigkeit der Strukturen, die sie erzeugen oder erhalten. Weniger ist manchmal erheblich mehr.
Kant: Moralische Prinzipientreue
Immanuel Kant forderte, dass jede Handlung nur nach einer Maxime erfolgen dürfe, die sich zum allgemeinen Gesetz erheben ließe. Die Würde des Menschen ist unantastbar – niemand darf Mittel für fremde Zwecke sein. Politisch bedeutet das klare Grenzen: Menschenrechte dürfen nicht verhandelbar sein; demokratische Prinzipien nicht taktisch ausgespielt.
Diese Orientierung ist mit Sicherheit notwendig, gerade in einer Zeit wachsender autoritärer Versuchungen, etwa in Teilen der öffentlichen Debatte oder bei sicherheitspolitischen Schnellschüssen. Der potentielle Preis eines solchen Vorgehens ist hoch: Die kontextblinde Starrheit des Prinzips kann zu politischer Selbstblockade führen – wie etwa im Umgang mit populistischen Kräften, bei denen der moralische Ausschlussmechanismus jede strategische Flexibilität lähmt und das rigide Festhalten an dem Gedanken der Brandmauer den Aufstieg der AfD eher beschleunigt als dämpft.
Utilitarismus: Die Folgen zählen
Der Utilitarismus legt das moralische Gewicht auf die Folgen: Entscheidungen gelten als gut, wenn sie den größtmöglichen Nutzen für die größtmögliche Zahl von Menschen erzeugen. Viele politische Maßnahmen – von Steuerpolitik bis Schulstrukturreformen – folgen diesem Paradigma, häufig flankiert von empirischen Studien und Evaluationen.
Die Stärke dieses Ansatzes: Der Utilitarismus ist flexibel, handlungsorientiert, anpassungsfähig. Doch er droht, prinzipienlos zu agieren. Wenn ein kurzfristiger Nutzen das Ziel wird, können Minderheitenrechte geopfert, langfristige Schäden übersehen oder strukturelle Instabilität hingenommen werden. Es fehlt die moralische Grundierung.
Ganz abgesehen davon, dass utilitaristische Herangehensweisen nicht nur im politischen Feld häufig angewendet werden, sondern – wie Kevin Dutton gezeigt hat – auch im Denken vieler leichtgradiger Psychopathen handlungsleitend sind. Das sollte einem zu denken geben.
Taleb: Antifragilität als drittes Prinzip
Nassim Taleb ergänzt diese klassischen Ansätze um eine dritte Kategorie: Antifragilität. Systeme dürfen nicht nur robust sein – sie müssen von Stress profitieren, sich durch Erschütterungen verbessern und daraus lernen. Er unterscheidet drei Zustände: Fragil ist, was unter Druck zerbricht. Robust ist, was Druck aushält (sich aber auch nicht verändert). Antifragil ist, was von Druck profitiert und durch Druck besser wird.
Talebs ethischer Imperativ könnte daher so formuliert werden: Gestalte Strukturen so, dass sie bei Fehlentscheidungen oder unerwarteten Ereignissen nicht kollabieren – sondern widerstandsfähiger werden. Dazu gehört subtraktives Denken: Nicht „Was können wir zusätzlich tun?“, sondern: „Was sollten wir weglassen, um Risiken zu minimieren?“
Beispiele
Theorie ist schön und gut. Wie sieht es aber mit der Wirklichkeit aus? Gehen wir einige Beispiele durch und orientieren wir uns dabei an Themen, die in den vergangenen Monaten auf seiffertsupdate.com behandelt worden sind.
Die deutsche Parteienlandschaft ist fragmentiert, die Bildung stabiler Koalitionen wird immer schwieriger. Die Brandmauer gegenüber der AfD mag moralisch gerechtfertigt sein – faktisch führt sie zu Regierungsunfähigkeit in mehreren Bundesländern. Klassische Koalitionen werden rechnerisch unmöglich oder inhaltlich inkonsistent. Große Koalitionen wiederum lähmen sich gegenseitig.
Minderheitsregierungen könnten hier ein antifragiler Ausweg sein. Statt auf arithmetische Mehrheit zu setzen, würden sie Verhandlungskultur, Transparenz und thematische Bündnisse fördern. Solche Modelle funktionieren erfolgreich in Dänemark, Schweden und Portugal. Sie zwingen dazu, für jedes Vorhaben um Zustimmung zu werben – nicht mit Drohung, sondern mit Argumenten.
In einer fragmentierten Gesellschaft ist diese Struktur robuster: Sie passt sich an, zwingt zur Mäßigung und verhindert erpresserische Lagerbildungen. Sie erlaubt es auch, populistische Narrative wie „alle gegen uns“ zu entkräften, indem Debatten sachlich geführt und offen nachvollziehbar gemacht werden.
Die deutsche Außenpolitik steht ebenfalls vor einem Bruch mit alten Koordinaten: Die Eskalation im Nahen Osten, die strategische Bedeutung kurdischer Korridore, das sich verändernde Verhältnis zu Israel, aber auch die langfristige Schwächung des Iran zeigen, wie stark regionale Dynamiken die globale Ordnung verschieben und zu Folgewirkungen führen können, die sich der Prognostizierbarkeit entziehen.
Die Aufwertung von BRICS und der Aufbau alternativer Zahlungssysteme bedrohen westliche Dominanz. Wenn Deutschland weiterhin wirtschaftlich vulnerabel und politisch rigide bleibt, riskiert es, in einem multipolaren System marginalisiert und instrumentalisiert zu werden. Robust ist hier nicht Bündnistreue, sondern strukturelle Selbstständigkeit – etwa in Energie, Infrastruktur und Technologie.
Der Wahlsieg von Donald Trump hat die transatlantischen Beziehungen destabilisiert. Mit angekündigten Zöllen gegen alle Länder, die sich vom Dollar lösen, macht er deutlich, dass strategische Interessen Vorrang vor liberalen Werten haben werden. Eine antifragile Reaktion darauf verlangt nicht moralische Empörung, sondern institutionelle Resilienz.
Fazit
Wenn man die normative Brille aufsetzt, könnte man formulieren: Verantwortliche Politik im 21. Jahrhundert darf sich weder in moralischer Prinzipientreue versteifen noch in kurzfristiger Nutzenmaximierung erschöpfen. Sie braucht eine dritte Achse: die strukturelle Fähigkeit, mit Unsicherheit, Irrtum und Konflikt produktiv umzugehen.
Diese drei Perspektiven lassen sich so zusammenfassen:
Man kann mit Kant fragen, ob eine politische Maßnahme moralisch verallgemeinerbar ist. Dass das alleine nicht reicht, haben wir gerade in Deutschland in den vergangenen Jahren sehr deutlich gesehen. Dogmatismus, Blockade und eine moralische Erstarrung erreichen allzu oft das genaue Gegenteil dessen, was mit der jeweiligen Maßnahme eigentlich bezweckt werden sollte.
Orientiert man sich hingegen ausschließlich an der Frage, was zum größtmöglichen Nutzen führt, gleitet man sehr schnell in Zynismus oder Opportunismus ab. Dies wird von vielen Menschen vollkommen zu Recht als abstoßend empfunden.
Eine Politik, die widerspruchsfrei, nachhaltig und gerecht ist, wird es wahrscheinlich nie geben. Eine solche Erwartung wäre vollkommen unrealistisch.
Dennoch ist es klug, wenn politisches Handeln zumindest versucht, alle drei Dimensionen zu integrieren: Grundsätze, Pragmatismus und strukturelle Intelligenz.
Eine Ethik, die Irrtum mitdenkt, Folgen überprüft und Würde nicht relativiert, wäre nicht unbedingt ein Kompromiss – sondern Ausdruck realer politischer Weisheit.
Und ganz ehrlich: In Relation zu vielen politischen Entwicklungen, die wir in den letzten Jahren erlebt haben, wäre ein solcher Ansatz wahrlich ein Gamechanger.
