Nahost-Frieden als geopolitischer Rückschlag für BRICS

1. Eine Welt in Bewegung

Mitte Oktober 2025 vermittelt Donald Trump die Freilassung von Geiseln aus Gaza – der erste diplomatische Erfolg nach Monaten der Eskalation. Gleichzeitig kündigt China neue Exportrestriktionen für Seltene Erden an. Während Washington im Nahen Osten Stabilität sucht, verschiebt Peking den globalen Rohstoffmarkt.

Beide Ereignisse gehören zur gleichen tektonischen Verschiebung: dem Übergang von westlicher Dominanz zu einer multipolaren Weltordnung. Die entscheidenden Kräfte heißen NATO, BRICS, SCO und QUAD – vier Machtpole, die heute über Militär, Finanzen, Politik und Rohstoffe bestimmen.

2. Die vier Machtpole des 21. Jahrhunderts

Die NATO bleibt das militärische Rückgrat des Westens. Sie kontrolliert den europäischen und atlantischen Luftraum, verfügt über das stärkste Bündnisarsenal der Welt und stellt die logistische Infrastruktur für den Dollarraum. Ihr Operationsfeld hat sich erweitert – von der Landverteidigung hin zur globalen Machtprojektion bis in den Indopazifik.

Das Gegenmodell entsteht in Eurasien. BRICS (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika) bildet den ökonomischen Kern der multipolaren Bewegung. Es zielt auf eine Entkopplung vom Dollar, alternative Zahlungssysteme und eine rohstoffgestützte Finanzarchitektur.

Parallel agiert die Shanghai Cooperation Organisation (SCO) als militärisch-strategischer Arm. Sie wurde 2001 von China, Russland und zentralasiatischen Staaten gegründet und koordiniert heute gemeinsame Manöver, Geheimdienstkooperationen und Rüstungsprogramme. Russland liefert strategische Tiefe, China Technologie und Kapital, Indien demographische Masse, Iran und die Türkei regionalen Zugang zu Energie und Transitwegen. So entsteht eine Landmacht-Koalition, die den Kontinent von Wladiwostok bis Teheran militärisch und wirtschaftlich verbindet.

Im Indopazifik steht das QUAD (USA, Japan, Indien, Australien) als maritime Antwort. Es kontrolliert die wichtigsten Handelsrouten zwischen Pazifik und Indischem Ozean, schützt die freie Navigation und bildet zusammen mit der NATO ein globales Verteidigungssystem gegen die eurasische Ausdehnung von China und Russland.

Das strategische Gegengewicht zu diesem westlich-pazifischen Block ist die informelle „Vierer-Achse“ aus Russland, China, Iran und Nordkorea. Sie bündelt Energie, Waffen- und Raketentechnologie und nukleare Abschreckung gegen den Westen. Ihre Koordination läuft über BRICS und SCO.

Damit verläuft die globale Frontlinie nicht mehr zwischen Kapitalismus und Kommunismus, sondern zwischen zwei Systemen der Machtprojektion:
ein netzwerkbasierter Westen mit Technologie, Finanzen und Seeherrschaft – und ein landgestütztes Eurasien mit Rohstoffen, Bevölkerung und asymmetrischer Kriegsführung.

3. Militärische Macht – Kontrolle der Räume

Militärische Macht bedeutet heute, Räume zu beherrschen. Die NATO sichert den europäischen und atlantischen Luftraum; das QUAD die Seewege im Pazifik. Russland, China und Iran nutzen hingegen Landkorridore und asymmetrische Taktiken. Ihre gemeinsamen SCO-Manöver („Vostok“, „Peace Mission“) trainieren Mehrfrontenszenarien. Der Nahe Osten ist das Nadelöhr: wer ihn kontrolliert, beherrscht die Energiezufuhr zwischen Asien und Europa.

4. Fiskalische Macht – Kontrolle der Währungen

Der US-Dollar ist mehr als eine Währung – er ist ein Militärhaushalt in Papierform. Er ermöglicht den USA, Defizite über globale Nachfrage zu finanzieren und damit ihre Rüstungsüberlegenheit zu halten. BRICS versucht, diese Abhängigkeit aufzulösen: Handel in nationalen Währungen, Golddeckung, digitale Zentralbankwährungen und Bankennetze außerhalb von SWIFT. Jeder Schritt in dieser Richtung schwächt die Fähigkeit des Westens, Sanktionen als Waffe einzusetzen.

5. Politische Hegemonie – Kontrolle der Narrative

Politische Macht entscheidet sich in der Deutung von Legitimität. Der Westen beruft sich auf Demokratie und Menschenrechte; die multipolare Allianz propagiert Souveränität und kulturelle Eigenständigkeit. Afrika, Lateinamerika und der Nahe Osten reagieren auf diese Rhetorik, weil sie Unabhängigkeit von IWF und Weltbank verspricht. So verlagert sich der Einflusskampf von der Militärfront auf die Deutungshoheit über Ordnung und Gerechtigkeit.

6. Rohstoffmacht – Kontrolle der Energieflüsse

Rohstoffe sind die materielle Basis jeder Hegemonie. Der Petrodollar bindet den Nahen Osten an die USA – BRICS will ihn lösen. Iran, Saudi-Arabien und Russland halten gemeinsam über 40 Prozent der weltweiten Energiereserven. China ist der größter Abnehmer. Eine Abrechnung in Yuan oder Gold würde den Dollarzyklus durchbrechen. Gleichzeitig kontrolliert China 70 Prozent der Förderung und 90 Prozent der Raffination Seltener Erden. Damit kann es den technologischen Nachschub der westlichen Rüstungsindustrie drosseln – eine wirtschaftliche Blockade ohne Kriegserklärung.

7. Trumps Nahost-Strategie und die Rückkehr der Machtpolitik

Trumps Geiselfreilassung steht symbolisch für den Versuch, den Energie-Korridor zwischen Mittelmeer und Persischem Golf wieder unter amerikanische Kontrolle zu bringen. Ein Waffenstillstand würde Hamas und Hisbollah schwächen, Iran isolieren und Saudi-Arabien erneut in das US-Sicherheitsnetz einbinden. Damit würde der Petrodollar stabilisiert und die Energiehegemonie des Westens verlängert.

Doch Chinas Reaktion auf diesen Erfolg zeigt die neue Logik des Konflikts: Statt militärisch zu eskalieren, setzt Peking auf wirtschaftliche Verwundbarkeit. Die Kontrolle über Seltene Erden wird zur Antwort auf amerikanische Militärdiplomatie. So entsteht ein hybrider Systemkrieg, in dem Energie, Finanzflüsse und technologische Abhängigkeiten ebenso entscheidend sind wie Panzer oder Raketen.

8. Fazit – Vier Dimensionen der Macht

Der globale Wettstreit folgt vier Achsen: militärisch, fiskalisch, politisch und rohstoffbasiert. BRICS und SCO stellen die Land- und Rohstoffmacht Eurasiens; NATO und QUAD die maritime und technologische Macht des Westens. Der Nahe Osten bleibt die Drehscheibe zwischen beiden Systemen.

Trumps Friedensinitiative mag vorübergehend Stabilität bringen, doch sie verlangsamt nur den Prozess, nicht seine Richtung. Der multipolare Block hat Zeit und Ressourcen, der Westen hat Apparate und Schulden. Europa verteidigt noch die Grenzen der alten Ordnung, während woanders bereits die neue geschaffen wird.

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