Wir haben es aktuell mit zwei Prozessen zu tun, die ineinander verwoben sind und die beide das Potenzial haben, unsere aktuelle Lebensweise restlos umzukrempeln. Dabei ist überhaupt nicht klar, wohin die Reise geht. Zum einen steht fest, dass die Menschheit zu einer radikalen Dekarbonisierung, also zu einem Abschied von fossiler Energie, gezwungen ist. Gleichzeitig haben wir es mit einer Reihe geopolitischer Entwicklungen zu tun, in denen der Nahe Osten und eng damit verbunden die Energieversorgung mit Erdöl eine zentrale Rolle spielen. Was meiner Meinung nach viel zu wenig beachtet wird, ist, wie zerbrechlich das globale System eigentlich ist.
1. Die fossile Grundlage – und ihre strukturelle Zerbrechlichkeit
Rolf Peter Sieferle hat in „Der unterirdische Wald“ klargemacht, was viele bis heute ausblenden: Moderne Zivilisation ist ein energetisches Ausnahmephänomen. Sie existiert, weil sie fossile Energieträger im Überfluss aus dem Boden ziehen konnte. Ohne Kohle, Öl und Gas gäbe es weder Massenmobilität noch industrielle Landwirtschaft noch globale Lieferketten.
Genau diese Abhängigkeit treibt Andreas Eschbach in seinem Roman „Ausgebrannt“ auf die Spitze. Seine Darstellung des saudischen Ghawar-Felds – tatsächlich das größte Ölfeld der Welt – beschreibt kein Science-Fiction-Motiv, sondern eine real existierende Verwundbarkeit. Meerwasserinjektion, Druckerhalt, alternde Bohrungen: die technische Überdehnung eines Systems, das die Welt am Laufen hält.
2. Die geopolitische Architektur des Öls – und ihr Zerfall
Wie das globale Ölsystem entstand, wird von Eschbach pointiert beschrieben: Seit Roosevelt und Ibn Saud 1945 auf der USS Quincy den Grundstein legten, war der globale Energiemarkt ein politisches Arrangement. Die USA garantieren Sicherheit, Saudi-Arabien liefert Öl, und der Petrodollar sichert die amerikanische Finanzhegemonie.
George Friedmans Analyse der US-Energiepolitik beschreibt Öl nicht als Ressource, sondern als strukturelles Machtinstrument. Seit 1945 gründet die amerikanische Hegemonie auf der Kontrolle globaler Energieflüsse; das Quincy-Abkommen mit Saudi-Arabien etablierte eine informelle Preishoheit, während die Abrechnung des Öls in US-Dollar den Petrodollar als Weltreservewährung verankerte. Diese Ordnung wird militärisch abgesichert – durch die permanente Präsenz der Fünften Flotte im Persischen Golf und ein dichtes Netz an Stützpunkten in Bahrain, Katar und Kuwait. Saudi-Arabien fungiert dabei als „Achsenpartner aus Notwendigkeit“: Riad garantiert stabile Preise, Washington garantiert das Überleben des Regimes.
Für Friedman bleibt dieses Verhältnis spannungsgeladen, insbesondere seit den Anschlägen vom 11. September, die Saudi-Arabiens Doppelrolle als Verbündeter und Ursprung islamistischer Netzwerke offenlegten. Die US-Politik bewegt sich seither zwischen strategischem Misstrauen und der Pflicht, den Energiefluss zu sichern. Zentral ist für Friedman die Nutzung des Ölmarkts als geopolitisches Steuerungsinstrument: Preisvolatilität kann genutzt werden, um Staaten wie Russland oder den Iran zu schwächen; die Invasion des Irak 2003 interpretiert er nicht als „Ölkrieg“, sondern als Versuch, den gesamten Energiekorridor zwischen Golf und Mittelmeer zu kontrollieren. Besitz von Feldern ist zweitrangig – entscheidend ist die Kontrolle über Engpässe und Transportwege wie Suez, Bosporus oder die Straße von Hormus. Mit der Schieferölrevolution verschiebt sich die Lage: Die USA werden energieautark und können geopolitische Ressourcen aus dem Nahen Osten abziehen. Friedmans langfristige Deutung lautet daher: Energiepolitik ist weniger Preisregulierung als die Kunst, internationale Abhängigkeiten zu gestalten. Infrastruktur, Seewege und Finanzregime bilden das Rückgrat amerikanischer Macht, und selbst bei geringer eigener Importabhängigkeit bleibt Öl ein Hebel der globalen Ordnungsgestaltung.
Doch diese Ordnung bricht auf. Besonders sichtbar wird dies an der strategischen Neuausrichtung Saudi-Arabiens. Das Königreich operiert nicht länger ausschließlich im westlichen Machtblock, sondern öffnet sich parallel zu alternativen geopolitischen Strukturen. Die Annäherung an BRICS, einschließlich der Einladung zur Vollmitgliedschaft ab 2024, markiert einen Bruch mit der bisherigen US-Zentrierung. Gleichzeitig intensiviert Saudi-Arabien seine wirtschaftliche und technologische Kooperation mit Brasilien und pflegt engere Beziehungen zu China und Russland – ein bewusstes „doppeltes Rollenverhalten“, das frühere Bindungen relativiert. Diese Entwicklungen unterminieren das Quincy-System von 1945, auf dem die US-geführte Energieordnung jahrzehntelang beruhte, und signalisieren den Übergang zu einer multipolaren Öl- und Finanzarchitektur.
3. Die Dekarbonisierung: moralischer Imperativ, technisches Risiko
Dass der Klimawandel die Menschheit dazu zwingt, sich möglichst schnell und möglichst weitgehend von fossilen Brennstoffen zu verabschieden, wirft eine Reihe von Folgeproblemen auf. Denn fossile Brennstoffe sind nicht nur Treibstoff, sondern auch Grundlage der Düngemittelproduktion (Haber-Bosch), Quelle für Aromaten, Ethylen, Propylen – das Rückgrat der Chemieindustrie – und Basis unzähliger Materialien: Kunststoffe, Textilien, Medikamente, Harze.
In „Ausgebrannt“ gelingt Andreas Eschbach eine bemerkenswert präzise Darstellung der systemischen Verwundbarkeit moderner Industriegesellschaften im Fall einer Ölkrise. Anders als populäre Vorstellungen nahelegen, beginnt der Zusammenbruch im Roman nicht an der Tankstelle, sondern weit früher – in der petrochemischen Industrie, die Erdöl nicht als Treibstoff, sondern als grundlegenden Rohstoff benötigt. Eschbach schildert detailliert, wie petrochemische Werke stillstehen, weil sie keine Basisstoffe wie Ethylen oder Naphtha mehr erhalten. Kunststoffproduktionen, Verpackungsfertigung, Kunstfasern und Harzindustrien brechen ein, und pharmazeutische Lieferketten geraten ins Stocken, da essenzielle Vorprodukte fehlen. Farben, Schmierstoffe, Klebstoffe oder Spezialchemikalien – all das versiegt, lange bevor der Verkehr vollständig zum Erliegen kommt. Eschbach trifft damit den realen Punkt: Die chemische Grundstoffproduktion wäre im Ernstfall das erste Opfer einer globalen Verknappung.
Parallel verdeutlicht der Roman, dass die moderne Landwirtschaft in dramatischer Weise abhängig ist von Kunstdünger und Pflanzenschutzmitteln. Nicht der Mangel an Diesel stoppt die Felder, sondern der Ausfall der Düngemittelproduktion, die auf Erdgas und damit auf fossile Energie angewiesen ist. Sobald Haber-Bosch-Anlagen gedrosselt werden, sinken die Erträge, Lebensmittelpreise explodieren, und staatliche Rationierung setzt ein. Ernährung wird damit zur zentralen Krise, bevor überhaupt Mobilität oder Industrie vollständig kollabieren.
Diese Prozesse verbinden sich bei Eschbach zu einer systemischen Kettenreaktion: Petrochemie fällt aus, Landwirtschaft bricht ein, Verpackungsindustrie stoppt, Logistik wird unzuverlässig, der Handel kollabiert und soziale Unruhen entstehen. Das entspricht exakt der realen Verschaltung moderner Wirtschaftssysteme: Fossile Energie hält nicht nur Motoren am Laufen, sondern strukturiert die gesamte industrielle Stoffproduktion. Der Roman illustriert drei Kernmechanismen der realen Abhängigkeit: Erstens bricht ohne petrochemische Grundstoffe praktisch jede andere Industrie weg. Zweitens führt Düngermangel rasch zu globalen Ernteausfällen. Drittens zerstört der Ausfall der Verpackungs- und Faserproduktion die Funktionsfähigkeit der Lieferketten.
Eschbachs Beschreibung der Überdehnung des Ghawar-Felds ist ein gängiges Motiv und dramaturgisch wirkungsvoll, aber die aktuelle Sachlage ist wahrscheinlich komplexer. Saudi-Arabien hat in den letzten Jahren massive Investitionen in die Kapazitätserhaltung getätigt. Während die Gefahr einer systemischen Verwundbarkeit durch einen Engpass (Straße von Hormus, Ghawar) real ist, ist die konkrete These des technischen Zusammenbruchs eines einzelnen Feldes (wie in Eschbachs Roman) aktuell umstritten und wird von manchen Energieexperten als überzogen angesehen. Die generelle Aussage zur Verwundbarkeit bleibt jedoch absolut gültig.
Eschbach zeigt damit, dass eine Ölkrise nicht primär eine Treibstoffkrise ist, sondern eine Rohstoff- und Ernährungskrise – und erst im letzten Schritt eine Mobilitätskrise.
4. Die KI-Revolution: Beschleuniger und Dämpfer zugleich
Anhaltspunkte dafür, wie KI in den kommenden Jahren die Situation verändern könnte, beschreib Ray Kurzweil in seinem Buch „The Singularity is Near“. Der Aufstieg der KI verschiebt die energetische Logik moderner Industriegesellschaften grundlegend, auch wenn diese Entwicklung oft übersehen wird. Im Augenblick steht oftmals der hohe Energieverbrauch im Fokus, der durch den Aufbau der Infrastruktur für KI-Systeme hervorgerufen wird. Langfristig werden wir möglicherweise aber auch Effizienzsprünge sehen, die nicht politisch erzwungen, sondern technologisch induziert sind. KI reduziert sehr wahrscheinlich (vorausgesetzt, Rebound-Effekte werden durch intelligente Preispolitik oder Kapazitätsgrenzen gedämpft) den Energieverbrauch pro Einheit Leistung, weil sie Prozesse optimieren könnte, die bislang von Menschen gesteuert wurden: Transportketten könnten nach Echtzeitdaten ausgerichtet werden, Landwirtschaft arbeitet eventuell präziser und ressourcenschonender, industrielle Anlagen fahren im Idealfall ohne Leerläufe, Materialströme werden exakter geplant. Solche algorithmischen Systeme senken, wenn die Prognosen zutreffen, den Bedarf an fossilen Energien, ohne dass ideologische Transformationen notwendig wären. Der Verbrauch würde dann nicht fallen, weil Menschen verzichten, sondern weil Maschinen effizienter sind.
Zugleich beschleunigt sehr wahrscheinlich KI den Ausbau alternativer Energiesysteme. Solar- und Speichertechnologien entwickeln sich bereits exponentiell, werden leistungsfähiger und billiger. KI verstärkt wahrscheinlich diese Dynamik, indem sie Forschung, Fertigung, Netzstabilisierung und Wartung automatisiert. Auch synthetische Materialien, automatisierte Stoffkreisläufe und lokale Produktionssysteme profitieren von denselben Mechanismen: Sie reduzieren die strukturelle Abhängigkeit von Öl als Rohstoff und Energieträger.
Der Übergang bleibt jedoch instabil. Wenn neue Technologien an Leistungsfähigkeit gewinnen, verschiebt sich Kapital abrupt aus etablierten Systemen heraus. Für den fossilen Sektor bedeutet das: Investitionen brechen weg, bevor Alternativen vollständig skalieren. Alte Strukturen zerfallen schneller, als neue tragfähig werden. Die größte Verwundbarkeit entsteht also möglicherweise nicht aus der Endphase der fossilen Welt, sondern aus der Transformationsdynamik selbst.
Hinzu kommt der demographische Faktor: Alternde Gesellschaften verlieren Arbeitskraft, vor allem in Energie-, Industrie- und Infrastruktursektoren. KI kompensiert diesen Rückgang teilweise, indem sie physische und kognitive Arbeit ersetzt und somit die Produktivität stabilisiert. Damit wirkt sie wie ein technologischer Puffer gegen den demographischen Schrumpfungsdruck.
In Summe entsteht eine neue energetische Ordnung: weniger fossil, stärker automatisiert, lokal flexibler – und im Übergang verletzlicher als je zuvor.
5. Das demographische Problem – der blinde Fleck der Energiedebatte
Der demographische Wandel der großen Industrie- und Schwellenländer vollzieht sich mit einer Geschwindigkeit, die historisch ohne Beispiel ist. Europa weist inzwischen weltweit die niedrigsten Fertilitätsraten auf; Länder wie Deutschland, Italien, Spanien oder Südkorea liegen weit unter dem Reproduktionsniveau, teils deutlich unter 1,3 Kindern pro Frau. Das bedeutet eine rapide Schrumpfung der erwerbsfähigen Bevölkerung.
Japan ist noch stärker betroffen: Bereits heute ist ein Drittel der Bevölkerung über 60 Jahre alt, und bis 2050 wird das Land rund 19 Millionen Einwohner verlieren. Die Folgen zeigen sich längst: stagnierende Wirtschaftsleistung, Fachkräftemangel, wachsende Staatsverschuldung und zunehmender Druck auf die sozialen Sicherungssysteme.
Auch China, das dem Westen lange als demographisches Gegenmodell galt, erlebt eine parallele Entwicklung: Die Geburtenrate ist auf etwa 1,5 Kinder pro Frau gesunken, und selbst ambitionierte staatliche Programme zur Talentgewinnung können den Verlust hochqualifizierter Arbeitskräfte nicht ausgleichen. Unter dem Strich fehlen bereits heute in vielen Schlüsselbereichen – Forschung, Energie, Ingenieurwesen – die notwendigen Spezialisten.
Europa verstärkt diese strukturellen Probleme durch seine Migrationsmuster. Zwar ziehen europäische Länder eine große Zahl unqualifizierter Zuwanderer an, doch gibt es kritische Stimmen, die behaupten, dass ein wachsender Teil der hochqualifizierten Fachkräfte weiterwandert in attraktivere Arbeitsmärkte wie die USA, Kanada oder Australien. Das Ergebnis könnte ein paradoxes Muster sein: hoher Nettozuzug bei gleichzeitigem Verlust an produktivem Humankapital. Sinkende Produktivität, steigende Sozialausgaben und eine komplizierte Integrationsdynamik belasten die öffentlichen Haushalte und engen die fiskalischen Spielräume ein – gerade dort, wo hohe Investitionen in Energiewende, Infrastrukturmodernisierung und Automatisierung notwendig wären.
Auch geopolitisch verändert sich dadurch das Kräfteverhältnis. Staaten mit niedrigen Fertilitätsraten verlieren militärische und wirtschaftliche Resilienz, während Länder mit jungen Bevölkerungen (vor allem in Afrika) an Bedeutung gewinnen. Afrika wird in wenigen Jahrzehnten vermutlich die einzige Weltregion sein, die noch über einen strukturellen Arbeitskräfteüberschuss verfügt. Gleichzeitig steigt die Bevölkerungsdichte und der relative Wohlstand in vielen afrikanischen Staaten, was die Zahl migrationsfähiger Menschen erhöht. Alte Industrieländer reagieren darauf zunehmend defensiv, doch sie können die demographische Schwäche damit nicht kompensieren.
Für die Energie- und Industriesysteme der kommenden Jahrzehnte bedeutet dies: Es steht weniger Personal zur Verfügung, um Netze zu warten, Pipelines zu betreiben, Raffinerien umzubauen und die Elektrifizierung voranzutreiben. Gleichzeitig sinkt die Innovationskapazität, weil hochqualifizierte Nachwuchskräfte fehlen und der globale Wettbewerb um Talente intensiver wird. Energieinfrastruktur ist personalintensiv – von Ingenieurwesen über Wartung bis Notfallmanagement. Wenn Bevölkerung und Qualifikationsniveau schrumpfen, müssen technologische Systeme die Lücke schließen.
Damit entsteht ein struktureller Zwang zur Automatisierung. KI, Robotik und softwaregestützte Optimierung werden flächendeckend eingesetzt, weil es ohne sie nicht mehr geht. Alternde, schrumpfende Gesellschaften können die Komplexität moderner Energiesysteme nur noch tragen, wenn ein erheblicher Teil der physischen und kognitiven Arbeit auf Maschinen übergeht. Die Automatisierung wird so zur Voraussetzung der energetischen Transformation.
6. Fazit: Das Ende des fossilen Zeitalters – und die gefährlichsten Jahre davor
Die fossile Energieordnung dürfte eher durch technologische Entwicklungen und ökologische Anforderungen zurückgedrängt werden als durch eine physische Erschöpfung der Ressourcen. KI beschleunigt diesen Wandel, während demographische Trends die Anpassungsfähigkeit vieler Gesellschaften begrenzen. Gleichzeitig bleibt die petrochemische Nutzung von Öl über längere Zeit hinweg ein struktureller Engpass.
Eschbachs Darstellung der möglichen Folgen ist zugespitzt, trifft aber den zugrunde liegenden Mechanismus moderner Abhängigkeiten. Friedmans Analyse der geopolitischen Struktur des fossilen Systems zeigt, wie diese Ordnung an Bindekraft verliert. Sieferles energetische Grundlagenperspektive verdeutlicht, dass der Umbruch nicht nur technisch, sondern zivilisationsstrukturell ist. Ein Szenario einer tiefgreifenden Umgestaltung der Zivilisation durch KI, wie es Ray Kurzweil in The Singularity is Near skizziert, beschreibt eine mögliche Zielkonstellation, in der Energieversorgung dezentral, automatisiert und weitgehend postfossil organisiert ist.
Die zentrale Herausforderung liegt weniger im Ende des fossilen Zeitalters selbst als im Übergang dorthin: einer Phase, in der etablierte Systeme an Stabilität verlieren, während neue Strukturen noch nicht vollständig ausgebaut sind. In diesem Zwischenstadium entstehen die größten Risiken, nicht durch Knappheit an sich, sondern durch zeitliche Überlappungen und Anpassungsdruck.
