Universalismus und Identitarismus: Warum der Nationalsozialismus keine linke Ideologie war

Der folgende Beitrag hätte ursprünglich am 10. Januar 2025 entstehen sollen. Hätte. Sein Anlass hätte das Gespräch zwischen Alice Weidel und Elon Musk sein müssen, in dem erneut die Behauptung formuliert wurde, Adolf Hitler oder der Nationalsozialismus seien „links“ gewesen. Ich habe es schlicht und einfach verpasst, damals einen solchen Artikel zu schreiben.

Die Links-Rechts-Dichotomie: Universalismus als Kerndefinition

Die Aussage, Hitler sei links gewesen, ist nicht neu, doch sie erhielt durch die Reichweite des Formats eine ungewöhnlich große Verbreitung. Die Debatte berührt grundlegende Fragen politischer Ideengeschichte, kategorialer Zuordnungen und der Bedeutung des Universalismus für egalitäre Traditionen. Eine nüchterne Klärung ist notwendig, weil in gegenwärtigen politischen Auseinandersetzungen immer wieder versucht wird, historische Begriffe umzudeuten oder ideologische Linienführungen neu zu definieren. Der folgende Text rekonstruiert deshalb den ideengeschichtlichen Rahmen, analysiert das Verhältnis von Nationalsozialismus, Sozialismus und identitären Modellen und ordnet sowohl historische als auch gegenwärtige politische Positionen in diesen Strukturzusammenhang ein.

Eine wissenschaftlich fundierte Betrachtung der historischen, ideengeschichtlichen und normativen Grundlagen zeigt, dass der Nationalsozialismus weder mit der universalistischen Tradition linker Gleichheitsvorstellungen noch mit den zentralen normativen Elementen sozialistischer Theorie vereinbar war. Die Links-Rechts-Dichotomie entstand im Kontext der Französischen Revolution und unterschied zwischen egalitären Positionen, die Gleichheit als allgemeines Menschenrecht formulierten, und hierarchischen Ordnungsmodellen, die politische und soziale Vorrangstellungen nach Stand, Nation oder Herkunft strukturierten. Sozialismus wird in diesem Rahmen überwiegend als universalistisches Gleichheitsprojekt beschrieben, das Rechte und Ressourcen unabhängig von ethnischer oder nationaler Zugehörigkeit verteilt. Marx und Engels formulierten diese Universalität programmatisch im Internationalismus; moderne politische Theorien betonen, dass egalitäre Politik nur kohärent sein kann, wenn sie sich am Individuum orientiert und nicht an gruppenspezifischen Markern.

Der „Sozialismus“ im NS: Rassistisch codierte Exklusion

Die frühen NS-Bewegungen wiesen zwar einzelne antikapitalistische oder „sozialrevolutionäre“ Elemente auf, insbesondere im sogenannten Strasser-Flügel, der eine stärker staatsinterventionistische, anti-bürgerliche und anti-kapitalistische Rhetorik pflegte. Diese Positionen waren jedoch strikt nationalistisch und rassistisch kodifiziert und bezogen sich ausschließlich auf die als homogen definierte Volksgemeinschaft. Formeln wie „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“ zielten nicht auf Universalismus, sondern auf eine hierarchisch strukturierte, ethnisch begrenzte Ingroup. Die „sozialistischen“ Elemente dienten der Integration dieser Ingroup und waren niemals als egalitäres oder internationalistisches Gesellschaftsmodell angelegt. Spätestens mit der Ausschaltung der Strasser-Strömung im Zuge des sogenannten Röhm-Putsches 1934 wurden diese Ansätze endgültig der radikal rassistischen, antisemitischen und imperialistischen Führung des Regimes untergeordnet. Damit etablierten sich jene Elemente, die den Nationalsozialismus in seiner historischen Gestalt bestimmten: radikaler Rassismus, Führerprinzip, Expansion und Vernichtungspolitik. Antikapitalistische Töne verschwanden nicht vollständig, wurden jedoch propagandistisch funktionalisiert und ideologisch entkernt.

Ablehnung des Universalismus und Verfolgung der historischen Linken

Hitler selbst lehnte universalistische Gleichheitsannahmen in aller Klarheit ab. Seine Reden und Schriften verwarfen Gleichheit als „wissenschaftlich widerlegt“ und richteten sich sowohl gegen den Internationalismus als auch gegen die grundlegenden Annahmen sozialer und politischer Gleichheit. Die politische Praxis des frühen Regimes bestätigte diese Positionierung unmittelbar. Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschafter wurden systematisch verfolgt, inhaftiert oder ermordet; die Gewerkschaften wurden bereits Anfang Mai 1933 zerschlagen. Der Nationalsozialismus trat damit nicht nur als Gegner der organisierten historischen Linken auf, sondern auch als Gegner des universalistischen Gleichheitsprinzips selbst.

Innere Gleichheit versus äußere Vernichtung. Der NS-Volksstaat: Wohlfahrt durch Raub- und Vernichtungsökonomie

Eine vertiefende Analyse bietet Götz Aly in seiner umfassenden Untersuchung des nationalsozialistischen Volksstaates. Aly rekonstruiert den Nationalsozialismus nicht primär als Terrorherrschaft, sondern als ein Herrschaftsmodell, dessen Stabilität wesentlich auf materieller Integration und auf der gezielten Bekräftigung eines rassisch definierten Zusammengehörigkeitsgefühls beruhte. Die zentrale These lautet, dass das Regime breite Zustimmung generierte, weil es den als „Volksgenossen“ definierten Deutschen reale ökonomische Vorteile verschaffte. Diese Vorteile waren nicht beiläufige Nebenprodukte, sondern strukturelle Elemente eines politisch gewollten Systems, das Aly als „konsensuale Diktatur“ beschreibt.

Aly zeigt zunächst, dass der NS-Staat ein rassisch exklusives Wohlfahrtsmodell etablierte, das sich in drei miteinander verbundenen Elementen ausdrückte: Erstens in gezielten Steuerentlastungen für breite Bevölkerungsschichten, insbesondere für Arbeiter, Angestellte und kleine Beamte. Die Lohnsteuer, Verbrauchssteuern und Sozialabgaben wurden bewusst niedrig gehalten, um finanzielle Spielräume für Konsum und private Lebensführung zu schaffen. Zweitens in ausgebauten sozialpolitischen Transferleistungen und staatlichen Unterstützungsmaßnahmen, die von Urlaubsprogrammen über „Kraft durch Freude“ bis hin zu Preisstützungen für Lebensmittel und Mieten reichten. Drittens in einer relativen innerethnischen Egalisierung, die sich im Offizierskorps, in Bildungswegen und im Zugang zu beruflichem Aufstieg zeigte. Diese Maßnahmen zielten darauf, innerhalb der Volksgemeinschaft Unterschiede zu glätten, ohne sie tatsächlich sozial auszugleichen. Gleichheit war ein politisches Versprechen der Zugehörigkeit, nicht ein ökonomisches Prinzip universeller Geltung.

Aly weist jedoch darauf hin, dass dieses Wohlfahrtsmodell ökonomisch nicht durch Produktivitätssteigerungen, Modernisierung oder wirtschaftliche Expansion gedeckt war. Es beruhte vielmehr auf einer strukturellen Überforderung der nationalen Haushalte, die nur durch massive externe Finanzierungsquellen kompensiert werden konnte. Diese externen Quellen bestanden aus Enteignung, Raub und Ausplünderung. Aly zeigt detailliert, dass die Enteignung jüdischen Vermögens von Beginn an ein systematisches staatliches Projekt war. Die „Arisierung“ jüdischer Unternehmen und Immobilien, die Beschlagnahmung von Bankguthaben, Wertpapieren und Versicherungen sowie das Einziehen von Vermögensabgaben erzeugten erhebliche staatliche Einnahmen. Diese Mittel flossen nicht nur in den Staatshaushalt, sondern stabilisierten direkt den Konsum der deutschen Bevölkerung.

Ein weiterer zentraler Pfeiler der NS-Finanzierung war die Zwangsarbeit. Aly zeigt, dass der Staat zwischen 60 und 70 Prozent der Löhne ausländischer Arbeitskräfte vereinnahmte. Diese Zwangsarbeiter, die oft unter extremen Bedingungen arbeiteten und keinen Anspruch auf soziale Absicherung hatten, bildeten eine zentrale Ressource der deutschen Kriegswirtschaft. Ihre Arbeitskraft senkte Produktionskosten und erhöhte die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Regimes, während die dadurch frei werdenden finanziellen Mittel in die Entlastung und Besserstellung der deutschen Bevölkerung fließen konnten.

Hinzu kam die systematische Ausplünderung besetzter Gebiete. Aly rekonstruiert, dass bis zu 70 bis 80 Prozent der Besatzungskosten von den eroberten Ländern selbst getragen wurden. Über Währungsmanipulationen, Zwangsanleihen, Abgaben und direkte Lieferverpflichtungen wurden die Volkswirtschaften Westeuropas so weit belastet, dass sie zum Finanzierungsinstrument des deutschen Kriegs- und Wohlfahrtsstaates wurden. Die Lebenshaltungskosten in Deutschland blieben dadurch künstlich niedrig, während die besetzten Länder unter Inflationsdruck, Hunger und Zusammenbruch der Infrastruktur litten.

Besonders eindringlich arbeitet Aly heraus, dass selbst der Holocaust eine ökonomische Dimension hatte. Die Deportation und Ermordung der europäischen Juden bedeutete nicht nur die Eliminierung einer als „feindlich“ definierten Gruppe, sondern auch die Aneignung ihres Vermögens, ihrer Wohnungen, ihrer Kleidung und anderer Konsumgüter. Diese Vermögenswerte wurden teilweise direkt an deutsche Haushalte weitergereicht. Die Vernichtungspolitik hatte somit eine doppelte Funktion: ideologische Eliminierung und materielle Redistribution zugunsten der Volksgemeinschaft. Aly bezeichnet dies als eine Art „rassistisches Umverteilungsmodell“, in dem sich Wohlfahrtsstaat und Vernichtungspolitik wechselseitig bedingten.

Auf dieser Grundlage argumentiert Aly, dass die innere Stabilität des NS-Staates nicht primär aus Terror resultierte, sondern aus der materiellen Einbindung jener Deutschen, die von den Umverteilungsmaßnahmen profitierten. Terror, Propaganda und materielle Vorteile bildeten eine Trias, die den gesellschaftlichen Konsens stützte. Der Konsum wuchs, Urlaubsreisen nahmen zu, Wohnverhältnisse verbesserten sich, und die subjektive Wahrnehmung sozialer Sicherheit innerhalb der Volksgemeinschaft verstärkte das Gefühl politischer Identifikation. Aly widerspricht damit Interpretationen, die das NS-Regime überwiegend als Angst- oder Terrorherrschaft beschreiben. Nach seiner Analyse war der Nationalsozialismus ein System, das breite Bevölkerungsschichten ökonomisch korrumpierte und dadurch zu Mitläufern und Unterstützern machte.

Aly betont schließlich, dass Wohlfahrtspolitik und Vernichtungspolitik nicht als getrennte Sphären zu verstehen sind. Sie sind zwei Seiten derselben Struktur: Die materielle Besserstellung der Deutschen war nur möglich, weil Millionen Menschen entrechtet, ausgebeutet und ermordet wurden. Die Volksgemeinschaft war somit nicht nur eine ideologische Konstruktion, sondern eine ökonomisch gestützte Realität, die einen großen Teil der deutschen Bevölkerung aktiv in das Herrschaftssystem einband.

Identitäre Logik im Wandel: Vom NS-Volksstaat zur AfD

Vor diesem Hintergrund gewinnt eine strukturierte Gegenüberstellung zwischen dem nationalsozialistischen Volksstaat und modernen identitären Parteien an Relevanz, ohne dass damit eine Gleichsetzung verbunden wäre. Die AfD etwa formuliert einen Gemeinschaftsbegriff, der Zugehörigkeit primär über ethnokulturelle Marker definiert. Während der Nationalsozialismus Zugehörigkeit biologisch-rassisch kodifizierte, operiert die AfD in einem kulturellen und identitären Rahmen, der ebenfalls auf Exklusion gerichtet ist, jedoch ohne die radikalen Eliminationsmechanismen des NS-Staates. Sozialpolitisch verbindet die AfD ihre Forderungen mit einer Priorisierung deutscher Staatsbürger und einer Einschränkung sozialer Ansprüche für Migranten. Damit entstehen strukturelle Berührungspunkte zur Logik des NS-Volksstaates, insofern Zugehörigkeit und Anspruchsberechtigung identitär definiert werden. Gleichzeitig bleibt die Differenz zu den extremen Mechanismen des NS-Regimes eindeutig.

Exkludierende Tendenzen in der Nachkriegs-CDU und im Konservatismus

Eine vollständige historische Einordnung erfordert jedoch die Einsicht, dass rechtsoffene, revisionistische oder exkludierende Positionen nicht exklusiv im rechtspopulistischen Spektrum der Gegenwart auftreten. Auch im konservativen Lager der Nachkriegszeit existierten Strömungen, die aus heutiger Perspektive als problematisch gelten. Konrad Adenauer bildete nach der Bundestagswahl 1949 eine Koalition mit der Deutschen Partei, in der zahlreiche ehemalige NSDAP-Mitglieder vertreten waren. Adenauer war gegenüber solchen Konstellationen pragmatisch; die Vorstellung einer „Brandmauer“ wäre ihm fremd gewesen. Politische Mehrheiten standen im Vordergrund, unabhängig davon, ob sie sich mit kommunistischen Stimmen in kommunalpolitischen Entscheidungen oder mit ehemaligen Nationalsozialisten in Regierungskoalitionen ergaben.

Auch im Bereich der Erinnerungskultur zeigte das konservative Lager zeitweise Skepsis gegenüber einer expansiven Gedenkpolitik. 1967 wandte sich die der CDU nahestehende Wochenzeitung „Christ und Welt“ gegen die Einrichtung einer Gedenkstätte im Haus der Wannseekonferenz. Der Artikel mit dem Titel „Denkmal der Schande“ argumentierte, der Nationalsozialismus sei ausreichend erforscht; neue Erinnerungsorte würden die gesellschaftliche Entwicklung hemmen. Weitere Beispiele sind Herbert Hupka, dessen revisionistische Positionen zur Rückgabe ehemaliger deutscher Ostgebiete teils erhebliche Aufmerksamkeit erhielten, oder die kritischen Reaktionen von Strauß und Teilen der CSU auf Richard von Weizsäckers Rede zum 8. Mai 1985. Der Historikerstreit ab 1986 verdeutlichte die ideologischen Spannungen innerhalb des konservativen Lagers, insbesondere hinsichtlich der Deutung des Holocaust. In den 1980er und 1990er Jahren traten weitere Grenzüberschreitungen auf, etwa Alfred Dreggers Wehrmachts-Narrative, Edmund Stoibers Begriff der „durchrassten Gesellschaft“, Norbert Geis’ entsprechende Verteidigung oder Roland Kochs Mobilisierung gegen das Geburtsortsprinzip. Auch der CDU-Wahlkampf von Jürgen Rüttgers im Jahr 2000, der den Slogan „Kinder statt Inder“ verwendete, gehört in diesen Kontext.

Die Vielfalt linker Strömungen und die Entstehung progressiver Identitätspolitiken

Diese historische Breite zeigt, dass identitäre oder exkludierende Elemente in verschiedenen politischen Traditionen auftreten können. Eine differenzierte Analyse linker Politikpositionen offenbart ebenfalls Vielfalt. Linke Strömungen variieren in ökonomischer, politischer, kultureller, klassenpolitischer und internationaler Hinsicht erheblich und reichen von libertär-linken über sozialdemokratische bis hin zu etatistisch-linken oder autoritär-egalitären Positionen. Auch in progressiven Identitätsmodellen, etwa in bestimmten Varianten der Critical Race Theory oder identitätspolitischen Erweiterungen der Queer-Theorie, können Spannungen zum universalistischen Gleichheitsprinzip entstehen. Solche Ansätze folgen häufig einem epistemischen und moralischen Kollektivismus, in dem Wissen, Deutungshoheit und moralischer Status primär über Gruppenzugehörigkeiten definiert werden. Die theoretische Grundierung (etwa das Primat struktureller über individuelle Perspektiven, die Annahme gruppenspezifischer Authentizität oder die moralische Hierarchisierung nach Opferstatus) erzeugt ein essenzialistisches Raster, das die Komplexität sozialer Wirklichkeit systematisch reduziert. Problematisch wird diese Verschiebung dort, wo normative Ansprüche nicht mehr aus der Verletzung individueller Rechte abgeleitet werden, sondern aus der Zuschreibung zu kollektiv definierten Identitäten. Damit entsteht eine strukturell ähnliche Logik wie in rechten identitären Modellen: Beide ordnen Individuen primär über Gruppenkategorien, beide erzeugen dichotome Weltbilder und beide legen moralische Wertungen an kollektive Marker statt an Handlungen oder Prinzipien. Die jeweiligen Zielrichtungen unterscheiden sich, die grundlegende Logik jedoch nicht.

Fazit: Universalismus als Schutzmechanismus gegen Identitarismus

Die umfassende Analyse zeigt schließlich, dass die entscheidende politische Unterscheidung nicht entlang der klassischen Links-Rechts-Achse verläuft, sondern zwischen universalistischen und identitären Modellen gesellschaftlicher Ordnung. Universalistische Modelle definieren Rechte, Zugehörigkeit und moralische Gleichheit über das Individuum; identitäre Modelle definieren diese über Gruppeneigenschaften und leiten politische Ansprüche aus kollektiven Identitäten ab. Identitäre Logiken bergen – unabhängig von politischer Richtung – strukturelle Risiken von Segmentierung, Polarisierung und Eskalation. Der Nationalsozialismus war die radikalste Ausprägung identitärer Politik; ähnliche Strukturen in milderen Formen finden sich jedoch in verschiedenen politischen Milieus, einschließlich konservativer Öffentlichkeiten, progressiver Identitätspolitiken und einzelner Strömungen in der Arbeiterbewegung. Die Lehre besteht darin, universalistische Prinzipien, individuelle Rechte und rechtsstaatliche Institutionen als zentrale Schutzmechanismen gegen identitäre Eskalationsprozesse zu begreifen.

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