Das Zerrbild vom Clown: Warum die Unterschätzung Trumps ein Sicherheitsrisiko ist


Ist Donald Trump ein durchgeknallter Irrer? Möglich. Ist er häufig irrational? Ebenfalls.

Wer daraus jedoch den Schluss zieht, es handele sich bloß um erratische Impulse eines narzisstischen Polit-Darstellers, macht es sich zu leicht.

Die deutsche Berichterstattung pflegt bis heute das Bild des tumben Clowns, weil es beruhigt und man sich ein bequemes Feindbild gönnt.

Der Spiegel – das Flagschiff der geopolitischen Naivität

Ein Beispiel für dieses Narrativ liefert der Spiegel-Artikel vom 07.01.2026 mit dem Titel „Grönland: Warum gehört die Insel zu Dänemark, was will Trump mit Grönland – der Überblick“. Schon im Einstieg zitiert das Magazin seine eigene rhetorische Frage aus dem Jahr 2019 – „Dreht Donald Trump jetzt völlig durch?“ – und erinnert daran, wie die Weltöffentlichkeit darüber rätselte, ob der Präsident überhaupt noch „bei Trost“ sei. Indem der Vorstoß als „imperialistischer Witz“ und bloße „Grönlandfantasie“ gerahmt wird, stützt der Artikel jene Lesart, die Trumps Vorgehen als erratisch disqualifiziert.

Erst im weiteren Verlauf weicht diese belustigte Fassungslosigkeit einer besorgten Analyse: der Sicherung von 23 kritischen Rohstoffen, der Kontrolle der Pituffik Space Base, der strategischen Positionierung in der Arktis. Die Etikettierung als „durchgeknallt“ dient als Schutzschild, der erst dann fällt, wenn die strategische Realität nicht mehr wegzudiskutieren ist.

Strategische Rationalität

Der Streit um Grönland eignet sich als Lehrstück. Was wie eine bizarre Immobilienfantasie wirkte, war in Wahrheit sehr wahrscheinlich die zugespitzte Artikulation einer längst laufenden Neubewertung der Arktis durch die USA. Spätestens mit der offen formulierten Kaufabsicht wurde deutlich, dass Washington Grönland nicht als exotische Randnotiz betrachtet, sondern als geopolitischen Schlüsselraum – militärisch, völkerrechtlich und geoökonomisch zugleich.

Völkerrechtlich fungiert Grönland als Hebel. Das UN-Seerechtsübereinkommen erlaubt Küstenstaaten, über die ausschließliche Wirtschaftszone hinaus Ansprüche auf den erweiterten Festlandsockel geltend zu machen, sofern geologische Kontinuität nachweisbar ist. Dänemark hat diese Option im Namen Grönlands genutzt und seine Ansprüche bis weit in die zentrale Arktis ausgedehnt. Für die USA, deren arktische Reichweite bislang primär von Alaska aus definiert ist, eröffnet Grönland einen zusätzlichen Zugriff auf zunehmend umkämpfte Räume. Die formale Nicht-Ratifizierung des Seerechtsübereinkommens schwächt Washington zwar in multilateralen Verfahren, erhöht aber zugleich den Anreiz, verbündete oder abhängige Territorien faktisch einzubinden. Wer den Sockel kontrolliert, kontrolliert die Optionen.

Militärisch liegt Grönland auf der kürzesten Verbindungslinie zwischen Nordamerika und Eurasien. Seit Jahrzehnten ist es Teil einer Frühwarn- und Überwachungsarchitektur, die Raketenstarts, Luftbewegungen und maritime Durchgänge erfasst. Diese Funktion gewinnt erneut an Gewicht, seit Russland die Arktis systematisch militarisiert und China dort schrittweise Präsenz aufbaut. In Washington wird Grönland deshalb nicht als isolierter Stützpunkt gedacht, sondern als Knoten in einer übergeordneten Raum- und Abschreckungslogik. Präsenz vor Ort bedeutet, die Parameter für den Nordatlantik und den Zugang zur eurasischen Landmasse zu setzen.

Hinzu kommt die geoökonomische Dimension. Der Klimawandel macht die Arktis schrittweise zugänglicher. Rohstoffe, neue Schifffahrtsrouten und infrastrukturelle Engpässe rücken in den Fokus. Für die USA ist Grönland weniger kurzfristige Beute als langfristiger Sicherungsraum gegen strategische Abhängigkeiten, insbesondere gegenüber China. Kontrolle über Geografie ersetzt dabei klassische Handelsabkommen. Raum wird zur Industriepolitik.

Diese Neubewertung erfolgt vor dem Hintergrund forcierter globaler Blockbildung. Durch die BRICS (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika) und deren Erweiterung zu BRICS+ formiert sich seit 2006 ein machtvolles Gegengewicht zum Westen, das mittels De-Dollarisierung und alternativer Finanzarchitekturen nach strategischer Autonomie strebt. Parallel dazu festigt sich eine sicherheitspolitische Gegenachse aus China, Russland, dem Iran und Nordkorea. Diese funktionale Arbeitsteilung macht die Arktis zum entscheidenden Flankenraum der Systemkonkurrenz: Hier sichert physischer Zugriff nicht nur Lieferketten, sondern verkürzt im Ernstfall auch militärische Reaktionszeiten.

Abspann

Vor diesem Hintergrund erscheint das amerikanische Interesse an Grönland nicht als Laune, sondern als folgerichtige Machtpolitik. Die grobe Rhetorik, bis hin zu angedeuteten Zwangsoptionen, markiert Priorität und signalisiert Unverhandelbarkeit. Das entschuldigt weder Ton noch Methode. Es erzwingt jedoch eine nüchterne Analyse. Hinter dem Lärm steckt eine Logik, die Sicherheit, Recht und Ökonomie verbindet und im Kontext von BRICS und der eurasischen Gegenachse an Schärfe gewinnt. Wer Trump lediglich für verrückt erklärt, macht wahrscheinlich einen Fehler und verkennt die Wirklichkeit. Politisch kluges Handeln lässt sich aus diesem Mindset nur schwer ableiten.

Quellen: https://www.spiegel.de/ausland/groenland-warum-gehoert-die-insel-zu-daenemark-was-will-trump-mit-groenland-der-ueberblick-a-dd53f153-362b-4df9-9ca3-1ded64daae80

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