Waren Sie schon mal im Phantasialand in Brühl? Wenn nicht, werden Sie auch die Black Mamba nicht kennen. Wer die Black Mamba kennt – eine recht krasse Achterbahn –, weiß, was Geschwindigkeit ist. In der Black Mamba gibt es kein gemächliches Hochziehen am Kettenlift, kein freundliches Einrollen mit Aussicht. Es geht sofort in den Drop, hinein in die Dunkelheit, eng, peitschend, mit maximaler Beschleunigung.
Genau so fühlte sich dieser Januar an. 2026 begann nicht mit einem sachten Start, sondern mit einem Sturzflug. Es gab keine Zeit zum Sortieren, nur ständige Richtungswechsel und das mulmige Gefühl, dass die Fliehkraft längst das Steuer übernommen hat.
Woche 1: Der G-Schock zum Auftakt
Die Welt in den Black-Mamba-Modus zu versetzen, ist eine Spezialität von Donald Trump. Fill the room with shit. Und während in Lehrerzimmern und an Stammtischen fleißig seine Nebelbomben diskutiert und mit viel Hybris belächelt werden, zieht er sein Ding durch. Er lässt die Leute erst im Nachgang – ich wollte gerade Deppen schreiben – merken, dass sie gerade hinters Licht geführt wurden. Während die westliche Welt noch versuchte, den Neujahrskater auszuschlafen, drückte Washington das Gaspedal bis zum Bodenblech. Unter dem Codenamen „Operation Absolute Resolve“ ließen die USA venezolanische Ölreserven faktisch zur US-Verwaltungsmasse erklären, nachdem Spezialeinheiten Präsident Nicolás Maduro in einer Blitzaktion festgenommen und nach New York überführt hatten. Das war keine Diplomatie mehr – das war nackte Machtpolitik in 4K.
Gleichzeitig zeigte sich, wie brüchig die Infrastruktur der Moderne ist: Während ein verheerender Brand in Crans-Montana die Zerbrechlichkeit unserer Freizeitgesellschaft vorführte, legten Saboteure in Berlin ein Kraftwerk lahm. Genau diese Art der Selbstermächtigung der Gewalt hat Habermas 1968 als Linksfaschismus beschrieben. Tausende saßen bei Minusgraden im Dunkeln. Parallel dazu markierte eine Statistik das Ende einer Ära: BYD überholte Tesla endgültig als Weltmarktführer für E-Mobilität. Ein leiser, aber tektonischer Shift.
Woche 2: Loopings und Grenzverschiebungen
In der zweiten Woche nahm die Fahrt an Schärfe zu. Im Iran eskalierten die Proteste bis zur Unkenntlichkeit; Regime-Gewalt traf auf totale digitale Isolation. Bundeskanzler Friedrich Merz wagte sich mit der Prognose aus der Deckung, das Ende der Islamischen Republik sei nah – eine riskante Wette zwischen Analyse und Hoffnung. Er verlor die Wette, weil Trump die iranischen Demonstranten egal waren. Er rührte keinen Finger, als die Revolutionsgarden den Menschen aus naher Distanz in die Augen schossen und Verletzte aus den Krankenhäusern holten, um sie zu massakrieren.
Donald Trump derweil reaktivierte sein Grönland-Projekt. Was früher als Immobilien-Gag belächelt wurde, kehrte nun als ernsthafter territorialer Anspruch zurück. Naja, eigentlich nur als Show für die Lemminge im demokratischen Milieu diesseits und jenseits des Atlantiks. Aber egal, sie haben es geschluckt und feierten sich später noch für ihre Niederlage. Die Botschaft: In dieser neuen Weltordnung ist alles verhandelbar, solange man stark genug ist. Währenddessen zerlegte sich Südkorea beinahe selbst, als die Justiz die Todesstrafe gegen Ex-Präsident Yoon forderte. Und Europa? Die EU feierte das Mercosur-Abkommen in der einen Stunde, um es in der nächsten faktisch wieder zu kassieren. Die Verzögerung kam durch eine fraktionsübergreifende Mehrheit zustande. Man könnte sie sarkastisch als eine Art europäische Koalition aus GRÜNEN und AfD titulieren.
Woche 3: Die Peitsche der Neuordnung
Woche drei brachte die offene Erpressung als legitimes Werkzeug zurück. Trump drohte den europäischen NATO-Partnern unverblümt mit Strafzöllen, sollten sie seine arktischen Ambitionen nicht stützen. Die Proteste aus London und Rom verhallten ungehört im Windschatten der neuen US-Doktrin.
Im Nahen Osten manifestierte sich derweil eine neue, fragile Realität: Der Gaza-Plan trat in seine zweite Phase, die Demilitarisierung. Dass Großbritannien zeitgleich Palästina offiziell anerkannte, wirkte wie ein symbolisches Aufbäumen gegen die Realpolitik, das die Fronten eher verhärtete. Währenddessen demonstrierte BRICS Stärke: Militärmanöver unter Beteiligung Teherans und Indiens Vorstoß für eine rein digitale Währungsarchitektur machten klar: Der Westen ist nicht mehr Regisseur, sondern nur noch ein zunehmend nervöses Publikum.
Woche 4: Davos – Das Theater des Absurden
Das Finale des Monats fand in den Schweizer Alpen statt. In Davos präsentierte Jared Kushner „Project Sunrise“: Ein Plan, der Gaza in eine Luxusdestination für Investoren verwandeln will, während der Staub der Trümmer noch in der Luft hängt. Es war das ultimative Symbol dieses Januars: Kapitalfantasien auf Ruinen.
Zwar ruderte Trump bei der Grönland-Frage kurzzeitig zurück und vertagte die Zölle, doch wer darin Entspannung liest, irrt. Es ist lediglich das kurze Luftholen vor der nächsten krassen Kurve mit Doppel-Looping und freiem Fall.
Ausrollen und Ausstieg: Die Ära der reinen Kinetik
Vergessen Sie den Gedanken an einen „Prolog“. Der Januar 2026 war wahrscheinlich die gnadenlose Premiere einer neuen Zeitrechnung, in der Diplomatie durch Kinetik ersetzt wurde, durch pures Beschleunigen, Drohen, Durchdrücken. Wer nach diesen vier Wochen auf eine Beruhigung hofft, hat das Wesen der Black Mamba verkannt: Diese Fahrt hat keine Auslaufzone.
Die G-Kräfte der neuen Machtverschiebungen pressen uns in die Sitze, während die vertraute Weltordnung im Rückspiegel nur noch als verschwommenes Standbild existiert. Wir sind nicht mehr in der Vorbereitung – wir sind im freien Fall. Und das Schlimmste für alle, die auf Sicht fahren wollen: Die Strecke wird gerade erst gebaut, während wir schon mit 100 Sachen darüberrasen. Schnallen Sie sich nicht bloß an; gewöhnen Sie sich an den Schwindel. Dieses Durchgeschüttelt werden ist das Prinzip Trump.
Was also tun? Am Tor zur Hölle sollte man nicht hausieren gehen. Spielen Sie nicht mit.
Lesen Sie Fachbücher statt Nachrichten. Besonders empfehlen kann ich Ihnen Max Horkheimer: Zur Soziologie der Klassenverhältnisse (1943). Sie finden den Aufsatz in Max Horkheimer: Gesammelte Schriften, Band 12: Nachgelassene Schriften 1931–1949. Das Buch habe ich vor Jahren gelesen. Und mir fleißig Notizen gemacht. Versuchen Sie vor allem Horkheimers Racket-Theorie allumfassend zu verstehen. (Sie werden sie noch brauchen).
Und üben Sie Sitzen und Atmen.
Und fahren Sie öfter mal Achterbahn.
