Eine Bekannte erzählt.
Ein Lehrer meiner Tochter ist krank. Dauerhaft krank. Kein Wunder. Denke ich mir. Wie kann es auch anders sein. Denke ich mir.
Er passte nicht. Denke ich mir.
Nicht ins Bild. Erst Recht nicht in die Schule. Denke ich mir.
Wer dort etwas werden will, darf alles sein.
Nur nicht dem vorgeblichen Ideal der bürgerlichen Gesellschaft entsprechen.
Ein Subjekt. Ein Individuum gar. Gott sei bei uns!
Wer was werden will, wird dies in den allermeisten Fällen nur als eine Art Ganzkörperkondom, das ganz tief in den Arsch der vorgesetzten Autoritäten oder als solcher Auftretender hineinkriecht.
Persönlichkeit? Der Herr sei bei uns!
Ecken und Kanten, gar selber denken? Sich der allgemeinen geistwidrigen Stromlinienförmigkeit widersetzen?
Es gibt deshalb wohl immer mehr Lehrerinnen oder nahezu konturenlose Lehrer. Denke ich mir. Die meisten mehr oder weniger depressiv. Vom ganzen Unterordnen und Kuschen haben sie sich so sehr aus dem Blick verloren, dass sie sich dann über den Tinnitus, die mangelnde Seratoninwiederaufnahmefähigkeit oder den Bluthochdruck doch sehr wundern.
Gleichzeitig wird „Achtsamkeit“ zum alles beherrschenden Modewort. Sie haben sich über Jahre selbst nicht mitgekriegt. Kein Wunder, wenn man die ganze Zeit mit Kuschen beschäftigt ist.
Kuschen vor (zumeist inkompetenten) Leitungen. Kuschen vor Eltern, die entdeckt haben, das die alte Methode, sich aus den Boden zu werfen und dabei zu schreien, die, als sie noch Kind waren, an der Supermarktkasse so prima funktionierte, auch heute noch zieht. Man braucht dann keine Argumente mehr. Sich anzustrengen und seine Arbeit als Vater oder Mutter zu machen (z.B. das Kind erziehen und gemeinsam mit ihm zu üben) erübrigt sich ebenso.
Bei dem Lehrer meiner Tochter war das etwas anderes. Der war wirklich ein Individuum. Natürlich erntete er damit einen Shitstorm sondergleichen.
Was er nicht verstand: Es geht nicht darum, den Kindern irgendetwas beizubringen. Das ist vollkommen nebensächlich.
Es geht auch nicht darum, angemessene und damit gerechte Noten zu geben. Darum geht es am allerwenigsten.
Es geht darum den Schein zu wahren und die Lebenslügen und blinden Flecken der beteiligten Personen bloß nicht zu tangieren. Sonst ist es vorbei mit der Gemütlichkeit. Die panische Angst der versagenden Masse äußert sich in Hass und Diffamierung.
Wer nichts kann und nichts hat, hat immerhin noch seine hinter der Fassade scheinbarer Freundlichkeit wohl versteckte Aggression.
Ein Lehrer meiner Tochter ist krank. Dauerhaft krank. Kein Wunder. Denke ich mir. Wie kann es auch anders sein. Denke ich mir.
