In den gegenwärtigen Debatten sind immer wieder interessante Argumentationsmuster zu beobachten. Während die Befürworter von Maßnahmen zur Eindämmung der Zahl von Neuinfektionen mit dem Corona-Virus gerne die angeblichen oder tatsächlichen Ergebnisse wissenschaftlicher Studien ins Feld führen, halten die Gegner solcher Maßnahmen teilweise stereotyp die Behauptung dagegen, der Nutzen der ab dem 2.11.2020 geplanten Maßnahmen sei wissenschaftlich nicht erwiesen.
Ich halte beide Denkweisen für ungenau.
Tatsache ist meiner Meinung nach, dass wir erstens immer noch zu wenig wissen und deshalb vor der Frage stehen, wie man sich im Kontext nur unzureichend bekannter Risiken möglichst angemessen verhält.
Zweitens würde ich gerne zur Debatte stellen, dass es Sinn machen könnte den Zeithorizont zu erweitern. Das Leben wird auch im Jahre 2022 und danach weitergehen. Wir werden auch danach ein Parlament, ein Rechtssystem, ein Gesundheitssystem und ein Wirtschaftssystem haben. Diese sollten auch dann noch möglichst gut funktionieren. Die nächste Krise kommt bestimmt. Das ist sicher. Dass wir im voraus nicht wissen, was für eine Krise oder Herausforderung das sein wird, ebenso.
Hieraus ergibt sich drittens die Frage, wie wir am besten mit Risiken umgehen sollten. Bezüglich dieser Frage ist mein Ansatz (ich beziehe mich hierbei auf Nassim Taleb), dass wir dazu neigen, gegenwärtige Tendenzen linear fort zu schreiben. Dies ist ein sicheres Rezept um auf künftige Herausforderungen nur unzureichend vorbereitet zu sein. Was also tun?
Ich trete einen Schritt zurück. Vor 52 Jahren hat sich in der Bundesrepublik Deutschland die APO gegen die sogenannten Notstandsgesetze gewandt. Aus der Befürchtung heraus, dass die juristische Möglichkeit, das Parlament in bestimmten definierten Situationen außen vor zu lassen, einem neuen Faschismus Vorschub leisten könnte, hat sich die APO – ich weiß, dass die damals „radikalen“ Studenten das anders formuliert hätten – für einen säkularen und parlamentarischen Staat in die Bresche geworfen.
Diese Rolle wird – auch diese Verbindung wird wahrscheinlich von den handelnden Akteuren nicht gerne thematisiert – in der heutigen Situation fast ausschließlich von der FDP ausgefüllt. Auch wenn es nicht gerne gehört wird und im allgemeinen Panikmodus unterzugehen droht: Die Herrschaften haben Recht. Ohne Debatte und Parlament werden wir nicht nur unsere Systeme dauerhaft beschädigen. Wir werden auch nicht die Akzeptanz und Einsicht in die Notwendigkeit herstellen können, derer es bedarf, damit Schutzmaßnahmen wirken.
Zu denen sei mir als Abschluss eine Bemerkung erlaubt: Maßnahmen sind umso besser, je einfacher sie sind und je seltener sie sich ändern. Dann entstehen Automatismen. Und der Mensch ein Gewohnheitstier.
Gewöhnt er sich eine überschaubare Zahl hilfreicher Angewohnheiten an (z.B. draußen Maske tragen, öffentliche Innenräume nach Möglichkeit meiden, auf Abstand achten), hat dies wahrscheinlich einen höheren Wirkungsgrad als eine politische Spaltung der Bevölkerung weiter zu forcieren.
Nudging, wie der bewusste Einsatz angsteinflößender Nachrichten als Dauerberieselung genannt wird, wirkt kurzfristig gut, langfristig aber verheerend und abstumpfend.
